Rezension JUDEN NARREN DEUTSCHE

von Brigitte Läufer, die mich besser versteht als ich mich selbst:

Juden Narren Deutsche

persona verlag Lisette Buchholz 2010

essays von Hazel Rosenstrauch


In den Farben Schwarz (Juden)-Rot(Narren)-Gold (Deutsche) prangt der Buchitel über dem mit einem Clownshut illustrierten Cover und vermittelt einen gelungenen ersten Eindruck von dem in unjüdisch jüdischer Tradition stehenden freien Geist dieses Essaybands.

Es ist noch nicht lange her, dass Hazel Rosenstrauch alle wichtigen deutschen Feuilletons mit ihrer Humboldtbiografie „Wahlverwandt und Ebenbürtigkeit“ überzeugt hat.

Einen Augenblick lang bin ich versucht, die Reihenfolge der schwarz-rot-goldenen Hauptwörter umzukehren und das Ganze von links nach rechts zu lesen:

„Deutsche Narren“, hieße es dann – ich möchte ergänzen – „(er)finden die Juden“.

Es hat an Brüdern und Schwestern im Geiste quer durch alle europäischen Bildungsschichten nicht gefehlt. Man darf es heute frei aussprechen: Bildung und Blendung schließen einander nicht aus. Denken und Fühlen sind in der vaterländischen Verstandeslogik GegenSätze.

Um diesen maroden Kern der Menschheitsentwicklung, meine ich, kreisen diese Texte, welche die Autorin „Deutsche Studien“ nennt.

Andere Nationen haben sich diesem absurden Konstrukt, das man mit einer Portion Zynismus, gut und gerne als gefundenes Fressen der mörderisch veranlagten Weltgeschichte bezeichnen kann, leidenschaftlich gerne angeschlossen: „Ich glaube, es ist noch kaum erforscht, wie sich jede Gesellschaft und jede Periode ihre Juden schafft“, sagt Hazel Rosenstrauch und legt damit den Finger in die Wunde bestehender Weltkonflikte, von denen wir noch nicht wissen, ob die den Einzig Wahren Gott beschwörende Menschheit sich im Ernstfall auf das gemeinsame Überleben aller ohne Zuschreibung von Schuld und Sünde besinnt.

Mit den gewachsenen Formen der „Verbewältigung“ in Deutschland (und auch in Österreich), der „Wiederjudmachung“, wie man in Berlin sagt, beschäftigen sich diese uns geistig aufstörenden Essays, die bis ins Mark der Sprache dringen. Das forschende Subjekt fragt nicht „Warum?“ und hat keine einleuchtenden Erklärungen – wozu auch?


Ein in der vernachlässigten Tradition der unjüdischen Juden stehender Mensch, die Autorin selbst, Jüdin, Österreicherin, Engländerin, Historikerin, Soziologin, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin, Autorin, Mutter, Schönebergerin, Frau natürlich (!), je nach Situation zu zehn, zwanzig, fünfzig Prozent, schaut uns prüfend an, und auf einmal gibt es keine Schubladen mehr.

Sie unterhält sich mit Heinrich Heine, schreibt einem Freund einen Brief über ihre Recherchen zu Narren, die in der christlichen Kulturgeschichte einen ähnlichen Balanceakt zwischen gesellschaftlichem Erwünscht- und Ausgestoßensein zu bestehen hatten wie die mit dem Buchstaben J. bezeichneten Menschen, die heute in vielen Köpfen wieder für beneidet-bewundertes Weltbürgertum und überlegene, hochbegabte Intelligenz stehen.

Dieser Buchstab, das ganze Wort – die Juden - es will einem mit fortschreitendem Leseprozess nicht mehr so leicht über die Lippen. Darin liegt meines Erachtens die Stärke des Buches: Jenseits konventioneller und institutioneller Formen der Auseinandersetzung mit der deutsch-jüdischen Vergangenheit, legt es den Fokus auf ein Wort wie Beziehung.

„Was?“ könnte die verstörende Frage lauten, die es dem Leser stellt, „ist an diesem Verhältnis trotz aller besten Absichten beim Versuch der Schaffung einer Erinnerungskultur, den Mahnmalen und Gedenksteinen in fast allen deutschen Städten und nicht zuletzt im jüdischen Museum in Berlin, noch immer fühlbar befremdlich - nicht ganz koscher?

Hazel Rosenstrauch wäre nicht Dr. Rosenstrauch, hätte sie darauf keine passende Antwort: „Zurzeit ist mein Wohnzimmer einer der Orte, an denen Themen und Gegenstände hin- und hergedreht werden, achselnd und zuckend. Alles ist im Umbruch; die Achsen brechen und knirschen und erzeugen dabei laute Geräusche. Meine identitäre Performanz ist suboptimal, der Weg vom Inhalt zum Content, vom Gesicht zum Profil misslungen. Und das ist gut so.“

Die Autorin hat dieses Buch, das ein Buch über Narren werden sollte und aus dem ein Buch über Juden und Deutsche geworden ist, ihrem Sohn, Luis M. Rosenstrauch gewidmet, der in Österreich lebt und ganz andere Erfahrungen macht als sie, die Tochter jüdisch-kommunistischer Emigranten, welche nach eigener Aussage zu einer Generation gehört, die im vorigen Jahrhundert den Luxus genoss, massenhaft kritisch sein zu dürfen.

Vielleicht ist das die größte Kunst: über das Eigene hinaus, den Anderen in der ihm eigenen Wirklichkeit sehen und gelten lassen zu können, auch wenn diese – im positiven Sinne des Wortes - verstörend anders ist!

Brigitte Läufer

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