sozialistische Sozialisation

Vor mir liegt der Text eines Liedes [http://ingeb.org/Lieder/duhastja.html], das wir in "unserer Jugend", in der Jungen Garde oder FÖJ (= österreichische Variante der FDJ) gesungen haben. Ich kam neulich mit einem DDR-sozialisierten Freund darauf zu sprechen, der mich ironisch mit dieser Überschrift trösten wollte. "Du hast ja ein Ziel vor den Augen, damit du in der Welt dich nicht irrst, damit du weißt, was du machen sollst, damit du einmal besser leben wirst ..." ich finde das fürchterlich, aber überlege, was daran so schrecklich ist. "... die Welt braucht dich, fröhliche Herzen, strahlender Blick ... wir sind Soldaten, kämpfen für's Glück." Man war nur nützlich und ein sinnvolles Glied der Gesellschaft, wenn man gekämpft und sich eingereiht hat. Hinter den sieben Bergen, nach gewonnenem Kampf, winkte dann das Glück - nicht als individuelles, sondern das Glück der Menschheit. Und irren war nicht menschlich, sondern schädlich und weil der Einzelne stets in Gefahr war zu irren, gabs die Partei, die bekanntlich "immer recht" hatte.

Der Text ist autoritär, er suggeriert, dass wir, der Nachwuchs, die den Kameraden vorangeht, "als Fahne vor dem Herzen", gut aufgehoben sind. Besonders hübsch finde ich die zweite Zeile "damit du in der Welt dich nicht irrst" - Irrtümer ausschließen war ein wichtiges Mittel gegen Zweifel. Nix mit "ich zweifle, darum bin ich" und das scheint mir der Kern, man muss dann auch nicht durch die Erfahrung lernen. Ein "ich bin" kommt nicht vor, ist nicht denkbar und Zweifel machen eben nur unsicher, weshalb es so verführerisch ist, sich einzureihen "damit du weißt, was du machen sollst, damit du einmal besser leben wirst". Einordnen und Mitmarschieren als Heilmittel gegen Orientierungsschwierigkeiten, Selbstzweifel und Depressionen, ein Angebot an Menschen, die in der Welt verloren herumtrudeln.

Rattenfänger auf dem Feld einer untergangenen Ideologie? Der Mensch braucht einen Platz und das Gefühl, dass er nützlich ist. Solche Hinweise finde ich auch in der heutigen Rat- und Trostliteratur. Mit diesen Einsichten hat Louis Fürnberg, ein hardliner der Partei, gespielt, zentral ist wohl, dass das Individuum in der Gruppe (Partei, Kampfformation) aufgeht, nur etwas ist, wenn er kämpft, zusammen mit Genossen.

Kämpfen, immer und überall, war ein wichtiger Bestandteil der Erziehung und: es gab kein Individuum jenseits der Gruppe, in der man seine Aufgabe erfüllt. Individualismus war egoistisch, ein Subjekt, das sich dem objektiv gesicherten bzw. als objektiv ausgegebenen Weg ins Glück widersetzt, war asozial. Das wäre der "bürgerliche" Einwand. Die aktuelle Frage, die mich heute beschäftigt ist, wie sehr dieses Aufgehen in einer Gruppe, "du bist die Quelle" und "geh voran" in den Kampagnen sei es der Werbung für Sportschuhe oder der Imagekampagne "du bist Berlin" wiederfinden. Wieviel haben die Propagandisten diverser "labels" oder auch politisch inszenierter Feierlichkeiten aus diesen kommunistischen Parolen gelernt? Und was hat dies und jenes mit dem "Verschwinden des Subjekts" zu tun?

Weshalb ich, als Zwischenbilanz, die Arbeit am Ich, einschließlich Irrtümern, nach wie vor wichtig finde.

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