Interkultur

Mark Terkessidis, Interkultur, es 2589, Berlin 2010, hab ich heute für dlr rezensiert, hatte nur wenig Platz.

Es ist ja erfreulich, dass allmählich auch Nachkommen der Einwanderer aus Wirtschaftswunderzeiten sich in die Debatte um Integration/ Zusammenleben/gemeinsame Kultur einmischen. Schade dass er so wenig von früheren Modellen der Völkermischungen weiss. Ich lese gerade die Bücher von Karl-Markus Gauß, (Die Hundeesser von Svinia, Die versprengten Deutsc hen, Die sterbenden Europäer) - über Slowaken, Ungarn, Deutsche und Roma, über die seinerzeit in ukrainische und russische Gebiete ausgewanderten Deutschen und all die Völkermischungen in Südosteuropa. Es sind nicht gerade rühmenswerte Vorbilder, aber es es könnte das Bild von "den Deutschen" diferenzieren ... denn so sehr Terkessidis sich gegen die Verallgemeinerungen wehrt, wenn von Zugewanderten die Rede ist, so pauschal urteilt er über die aus seiner Sicht andere und dann halt auch ziemlich verallgemeienerte Gruppe.

Mark Terkessidis, Interkultur, es 2589, Berlin 2010

Allmählich besuchen auch Nachkommen der Einwanderer, die das Wirtschaftswunderland mit aufgebaut haben, deutsche Universitäten. Sie mischen sich auch in die Debatten um Menschen „mit Migrationshintergrund“ ein, wie die korrekt sein wollende Formulierung lautet. Mark Terkessidis, Jahrgang 1966, plädiert für „Interkultur“ und grenzt sich damit sowohl von „Multikulti“ wie der Idee einer „Integration“ ab. Die Vorstellung, daß „Fremde“ sich in die deutsche Gesellschaft integrieren müßten, setze eine Norm voraus, die es nicht gibt. An vielen Beispielen zeigt er, daß diese Norm ein Konstrukt ist und der Realität längst widerspricht. Der Autor wechselt die Blickrichtung, er beschreibt, wie Kinder und Jugendliche in Institutionen, von Bürgermeistern oder Lehrern oft unbeabsichtigt erst zu Fremden gemacht werden und auch gutgemeinte Aktionen die Gleichberechtigung eher erschweren als ermöglichen. Er spricht von einer Alphabetisierung, bei der alle eine neue Sprache lernen müssen, um mit den veränderten Verhältnissen zurecht zu kommen. Seine Diagnosen und Beispiele sind nicht sehr ermutigend, aber es gibt auch eine Entwicklung. Während er im ersten Teil des Buchs noch oft Formulierungen wie „die Deutschen“, „viele Firmen“ „das Lehrpersonal“ verwendet, also seinerseits verallgemeinert, werden in der zweiten Hälfte dann doch positive Beispiele genannt. Terkessidis richtet seine Wünsche und Hoffnungen vor allem an staatliche Institutionen, sein „Programm Interkultur“ skizziert eine Unternehmensberatung in Sachen „diversity-management“ unter den speziellen deutschen Bedingungen.


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