Wie ich lernte, was liberal ist

Meine ersten journalistischen Sporen verdiente ich mir bei einer Wirtschaftszeitschrift. Mein Zahnarzt hatte mich an seinen Kunden vermittelt. Der war bekannt als konservativ, fand es aber lustig, so eine kleine Rote zu engagieren. Ich war eine Art Praktikantin, bekam aber auch (wenig) Geld und wurde zu den Pressekonferenzen geschickt, bei denen es was zu essen gab. Nach zwei Monaten durfte ich erstmals für einen eigenen Artikel recherchieren. Es ging um ausländische Studenten (so sagte mandamals und Frauen waren ohnehin nicht dabei). Man denke, das war Mitte der 1960er Jahre. Ich zog also los, bemerkte kaum, welche Sensation ich war, als ich in die eigens für die "Ausländer" eingerichtete Mensa kam (Argument für die Segregation: die essen kein Schweinefleisch). Es war nicht einfach, die Jungs zum Reden zu bringen, sie waren misstrauisch gegenüber Journalisten, gewohnt, dass man nur Negatives schreibt. Ich mach das anders! Und schrieb einen sehr einfühlsamen Bericht, der all die Diskriminierungen, die damals noch selbstverständlich waren, thematisierte. Der Artikel erschien. Allerdings mit einem Vor- und einem Nachspann meines Chefs, der den Inhalt verdrehte - so nach dem Motto, wir werden hier mit den Fremden nicht fertig, was maßen wir uns an, Südafrika zu kritisieren. Ich war wütend, raste in die Redaktion, machte eine Szene und kündigte (obwohl ich auf die Stelle angewiesen war). Nach etwa zwei Wochen rief der Chef bei mir an, und meinte: wenn Sie solche ideologischen Schwierigkeiten haben, wollen sie als Fotografin für uns arbeiten.

Er wusste, dass ich fleissig und engagiert bin, dass ich andere Überzeugungen habe, war nebensächlich, er konnte es sich leisten. Ich sagte natürlich nein.