Sowjetisierung

 

Es geht ein böses Wort im Westen um, keineswegs nur in deutschen Landen: Sowjetisierung der Gesellschaft. Bekanntlich hat der Kapitalismus gesiegt, er entwickelt sich rasend – in doppeltem Sinn. Das Kapital rast um den Erdball, wer hat dem wird gegeben.

Es gibt allerdings Bereiche, die auf eine Adaption sozialistischer Errungenschaften schließen lassen. In Universitäten, öffentlich-rechtlichen „Anstalten“ und wo sonst (noch) Steuermittel investiert werden, regieren zunehmend Funktionäre anstelle von inhaltlich kompetenten oder gar leidenschaftlichen Individuen. Sie funktionieren und führen aus, was angeordnet wird und angeblich – sei es dank Umfragen oder ranghöherer Funktionäre – für das Volk gut ist.

Natürlich ist es polemisch zu behaupten, dass Wahlen zur Farce geworden seien, weil sich die Parteien kaum durch ihre Programme, bestenfalls durch Gesichter oder die Blödigkeit der Parolen unterscheiden, oder hinsichtlich der Überzeugungsmethoden Parallelen zwischen Werbung und Propaganda zu ziehen. Aber zweifellos hat die Zentralisierung der Meinungsbildung zugenommen, seit Bertelsmann das letzte Restchen Fremdgeld abgeschöpft hat, über den Großteil der Medien verfügt und als steuerbefreiter Think-Tank im Auftrag der Regierung die Entwürfe für Reformen der Universitäten und anderer Einrichtungen entwirft.

Anstoß zu dieser Glosse sind aber die Feierlichkeiten zum 9. und 10. November. Es gehörte zu den Grundfesten der „Bürgerlichen Gesellschaft“, dass Kultur „zweckfrei“ sei, politikfern und unabhängig. Nur im Sozialismus wurde sie instrumentalisiert – wie in der französischen Revolution.

Wenn nun im staatlichen Auftrag, mit Reden würdevoller Regierungsvertreter, auf kilometerweit abgesperrten Straßen, begleitet von einstimmiger Berichterstattung, die leuchtenden Luftballons in den Himmel steigen … erinnert das doch ein wenig an politisch inszenierte – Feste, bei denen Kultur oder „Kultur“ für politische Zwecke instrumentalisiert wird.

 

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