Heimatgeschichte, österreichisch

Soeben eingetroffen ist das Wespennest-Heft über österreichische Heimatkunde unter dem Titel "Austria as it is" (eine Schrift aus der Metternich-Zeit, die ich in meinem derzeit in Produktion befindlichen Buch erwähne). Soweit ich sehe, ist mein Beitrag (Drei Heimaten pochen, ach, in meinem Busen) in dem Heft der Einzige, der einigermassen gnädig mit der "Heimat" - genauer gesagt, der österreichischen Nachkriegsgeschichte umgeht.

Näheres in der Pressemitteilung:

zeitschriftJETZT NEU: Wespennest Nr. 161, Thema: „Austria as it is“

„Nationalität ist eine Narration, eine story, die sich Menschen über sich selbst erzählen, um ihrer sozialen Welt Sinn zu verleihen“, reflektiert Uri Ram über die Beschaffenheit des Nationalen. Gleichgültig, ob man mit dem Nationsbegriff Konzepte politischer oder kultureller Einheit verbindet, ob man ihn als Produkt rigider Grenzziehungen, eines kollektiven Gedächtnisses oder sozialer Repräsentation betrachtet, seine Konstruktion beruht nie nur auf Faktischem, beinhaltet immer auch fiktionale Aspekte. Das ändert aber nichts an seinen ganz realen politischen und gesellschaftlichen Wirkungen. Der aktuelle Schwerpunkt wendet sich dem „Österreichischen“ zu und beleuchtet einige seiner imaginären Kernbestände und realgesellschaftlichen Effekte. Der Titel „Austria as it is“ ist hierbei einem 1828 anonym in London erschienenen Reisebericht entliehen, in dem Charles Sealsfield alias Karl Postl seine Erlebnisse mit Polizei, Zensur und Bespitzelung im Österreich Fürst Metternichs schildert. Anders als dieser Klassiker der Österreichkritik versammelt das Heft vielerlei Eindrücke, Positionen und Annäherungsversuche – an einen Komplex, der in seiner Vielgestaltigkeit immer wieder zu entgleiten droht.

Den Auftakt macht Peter Moeschl mit einer Polemik über die lange Tradition von „Unterlassung“ und „Blockade“ in der österreichischen Politik; gefolgt von Franz Josef Czernins strukturalistischer Interpretation eines weiteren „Kulturguts“ des Landes: der Bundeshymne.
Als selbstreflexives Erforschen der zahlreichen verwobenen Stränge österreichischer Historie gestalten sich die Gesprächsbeiträge Friedrich Achleitners und Gerhard Roths. Achleitner thematisiert das Einschreiben politischer und gesellschaftlicher Tendenzen in die Architektur des Landes. Roth erzählt von österreichischer „Normalitätspathologie“ im Nationalsozialismus und heute. Mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs und ihrem Nachleben ist auch der Text Herwig G. Höllers befasst: am Beispiel von Josef Schützenhöfers kritischkünstlerischem Engagement und den Widerständen, auf die seine Bearbeitung des lokalen Kriegerdenkmals beim Kameradschaftsbund in seinem steirischen Wohnort stieß. Vom „Weg-Wollen“ aus der österreichischen Enge und Engstirnigkeit, der er Vorstellungen einer grenzüberschreitenden Kunst und mythisch-überformten Ferne entgegensetzt, berichtet André Heller in seinem Gespräch mit Ilija Trojanow. Dass man der Heimat aber nicht so leicht entkommt, ja, sie buchstäblich „an den Schuhsohlen mitschleppt“, weiß die 1945 im Londoner Exil geborene und später mit ihren Eltern nach Österreich zurückgekehrte Hazel Rosenstrauch. Mit viel Empathie, jedoch ohne in die Nostalgie-Falle zu tappen, schildert die Autorin das Wiener kommunistisch-dissidentische Milieu ihrer Kindheit. Auch Franz Schuh gehört jener Generation an, die im Nachkriegs-Wien groß geworden ist. Sein Beitrag über Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen ihm als Individuum und dem Kollektiv seiner ZeitgenossInnen reflektiert den Gegensatz zwischen Aufbruchsstimmung und verkrustet-autoritären Haltungen, der die Fünfzigerjahre bestimmte. Der Kritik zeitgenössischer Gesellschaftszustände ist der Text Gabriel Ramin Schors gewidmet: eine scharfsichtige Darstellung von Aufstieg und Fall des ehemaligen MAK-Direktors Peter Noever.
Ob es sich bei der Nation Österreich nun um eine imaginäre oder reale Gemeinschaft handelt: literarische und essayistische Werke, die versuchen dem genuin Österreichischen auf die Spur zu kommen, haben seit jeher zur Konsolidierung des Begriffs beigetragen. Walter Schübler und Wolfgang Müller-Funk unterziehen einige dieser Werke anregenden Lektüren.

Eine ganz andere Thematik steht im Zentrum von Brigitte Kronauers Poetikvorlesung „Mit Rücken und Gesicht zur Gesellschaft“, deren erster Teil im neuen Wespennest nachzulesen ist. Die Autorin reflektiert über die Möglichkeiten avantgardistischer Schreibpraxis im Spannungsfeld persönlicher Wahrnehmung, bereits bestehender künstlerischer Lösungen und gesellschaftlicher Interpretationsmuster.

Außerdem Lyrik und Prosa von Sandra Beasley, Katharina Bendixen, Beate Meierfrankenfeld und Michael Speier sowie ein ausführlicher Buchbesprechungsteil unter der redaktionellen Verantwortung von Thomas Eder.

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Die Ausgabe kostet 12,- Euro und ist in Österreich ab dem 9. November, in Deutschland und der Schweiz ab dem 21. November 2011 im Buchhandel erhältlich. Eine Liste all jener Buchhandlungen, die Wespennest regelmäßig führen, finden Sie, geografisch gereiht, auf unserer Website in der Rubrik buchhandlungen.

1 Comment

hazel's picture

Drei Heimaten pochen, ach ....

neu erschienen: Zeitschrift Wespennest, darin ein Beitrag von mir über die Kommunisten, die aus der Emigration oder aus den Lagern nach Wien zurückgekehrt sind - ein Text gegen das derzeit moderne Austria-bashing

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