Die Rede von Antonio Fian

Auf mehrfachen Wunsch hier die Kopie der Laudatio von Antonio Fian, da es mit dem link nicht klappt, als Kopie:

LAUDATIO HAZEL ROSTENSTRAUCH - ÖSTERREICHISCHER STAATSPREIS FÜR KULTURPUBLIKZISTIK 2012

 Lied: Kollegium Kalksburg: „Mir is schon alles ganz egal“

 http://www.youtube.com/watch?v=-BxggcRZVGQ

 Sehr geehrte Frau Bundesminister, sehr geehrte Damen und Herren,

 die in London geborene, in Berlin wohnhafte Hazel Rosenstrauch hat sich als musikalische Umrahmung für die Verleihung des ihr in diesem Jahr zugesprochenen Österreichischen Staatspreises für Kulturpublizistik „etwas Wienerisches“ gewünscht, und ich habe, zur Einstimmung in diese kurze Würdigung ihres Werks und ihrer Person, „Mir ist schon alles ganz egal“ ausgesucht, ein Lied, das Armin Berg im Jahr 1931 zum ersten Mal aufgeführt hat und dessen Text, wie die Texte vieler von Bergs Chansons, von dem 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt zu Tode gebrachten Louis Taufstein stammt. Das Lied ist ein Klassiker, aber einer, dem man nicht unbedingt die Aktualität gewünscht hätte, die er immer noch oder eher schon wieder hat. Das große Achselzucken, mit dem heute viele Menschen diversen politischen Obszönitäten gegenüberstehen, ist bestürzend, und eine Möglichkeit, die Gleichgültigen darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Haltung unangemessen und politisch gefährlich sei und der Triumph, dass alle sie am Arsch lecken können, erst im Tod zu haben sein werde, ist vielleicht, ihnen Armin Bergs Lied vorzuspielen.

Eine andere wäre, sie vertraut zu machen mit der ebenfalls durchaus unterhaltsamen Essayistik von Hazel Rosenstrauch. Hazel Rosenstrauch ist keineswegs alles egal, sie will ganz genau wissen, ob es ein Laubfrosch ist oder „a Aal“, der in der Leberwurst drin steckt, mit ungebrochenem Interesse betreibt sie ihre Forschungen, das eine Mal in der Gegenwart, in Wien, Berlin, Bologna, dann wieder in der Vergangenheit, vornehmlich im frühen 19. Jahrhundert, in den Jahren rund um den Wiener Kongress, der die Grenzen in Europa neu festlegte und von dessen Zielen eines zumindest war, dass in Hinkunft territoriale Konflikte auf diplomatischem und nicht auf militärischem Weg gelöst werden sollten, ein Ziel, das er, wie man weiß, nicht erreicht hat, und zu dem in unseren Tagen, durch Gründung und Erweiterung der Europäischen Union ein weiterer Anlauf unternommen worden ist.

Es sind dabei aber weniger die Wirrungen und Wendungen der hohen Politik, die in ihren historischen Arbeiten Hazel Rosenstrauchs Interesse wecken, als die Zeichen eines Auf- und Umbruchs in anderen Sphären des gesellschaftlichen Lebens, in den literarischen Salons beispielsweise, die in „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“ eine Rolle spielen, oder in dem, bedenkt man die Epoche, erstaunlich liberalen, egalitären Konzept ehelichen Zusammenlebens, das Caroline und Wilhelm von Humboldt für sich entworfen und gelebt haben oder, in ihrem jüngsten Buch, im Leben des Henkers von Eger, Karl Huß. Huß war ein hochgebildeter Mann, zwangsläufig Autodidakt, der Bücher schrieb, den Aberglauben bekämpfte – unter dem er als Henker noch mehr als andere zu leiden hatte – und sich als Sammler von Münzen und Mineralien so verdient machte, dass Goethe es sich nicht nehmen ließ, ihn zu besuchen, und Metternich ihn in Dienst nahm als Kustos dieser Sammlung, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde und, wie es heißt, „zu jedermann Vergnügen aufgestellet ist, so dass es die Kurgäste von Marien, Karls und Franzensbaades mit Verwunderung ansahen“. Huß ist eine Randexistenz, der es gelingt, die Bürde, als Henker ein Geächteter zu sein, abzulegen. „Mit Huß suche ich im Abseits an unsicheren Orten nach dem Umgang mit zusammengebrochenen Werten“, sagt Hazel Rosenstrauch am Beginn ihres Buches, „vom Rand sieht man mehr, ich kann den Blick wenden, die Perspektive wechseln“, und sie resümiert in einem Postskriptum: „Ich finde, er (Huß) eignet sich als Ahn für meine deutschen Freunde. Ein Henker, aber das ist lange her, einer der sich zwischen den Ständen bewegt und in einer Umbruchzeit lebt, nicht hierhin und nicht dahin gehörig. Mit ein wenig wissenschaftlicher Hexerei lässt sich daraus eine Herkunft bauen: Für verfemte oder sich verfemt fühlende Individualisten, für Heimatlose und Außenseiter, für Deutsche, die gern Geschichte, aber keine ordentliche deutsche Geschichte haben wollen, für Nachkommen von Stigmatisierten, Henkern und Vertriebenen, Menschen mit Knäcksen im Lebenslauf und Leute, die in einer Zeit leben, deren Ordnung sich auflöst, ohne dass eine neue Ordnung erkennbar wäre.“

An die „deutschen Freunde“ sind auch viele jener Texte Hazel Rosenstrauchs gerichtet, die sich mit gegenwärtigen Themen auseinandersetzen. Sie war, zurückgekehrt aus Kanada und den Vereinigten Staaten, wohin ihre jugendlichen Auswanderungswünsche sie geführt hatten, in der deutschen Studentenbewegung aktiv und hat auch später nie, wie manche andere das aus Karrieregründen getan haben, ihre „Stammeszugehörigkeit“, ihre Sozialisation im Umfeld der Kommunistischen Partei verleugnet oder als Makel dargestellt. Den größten Teil ihres Lebens hat sie in Deutschland verbracht, aber ihr Denken und Schreiben wurzelt in einem jüdisch-widerständisch-intellektuellen Österreich, das in den großdeutschen Jahren vernichtet werden sollte und vernichtet wurde, aber doch in manchen Nischen überlebt hat. Eine von ihnen war das „Wiener Tagebuch“, als dessen Chefredakteurin Hazel Rosenstrauch für einige Jahre nach Wien zurückkehrte, jenes nunmehr legendäre Publikationsorgan der (nicht nur) österreichischen Linken, die nach dem Einmarsch der Sowjettruppen in der Tschechoslowakei 1968 die Kommunistische Partei verlassen hatten. Autoren wie Georg Lukács oder Eric Hobsbawm, später auch Claudio Magris, Erich Hackl oder Karl-Markus Gauß haben im „Wiener Tagebuch“ publiziert, und seinen Mitarbeitern, vor allem Mitarbeiterinnen hat Hazel Rosenstrauch in ihrem Buch „Beim Sichten der Erbschaft – Wiener Bilder für das Museum einer untergehenden Kultur“ ein Denkmal gesetzt. „Ihre Biographien“, heißt es da, „sind von Verfolgung, Emigration, Antifaschismus und Antistalinismus geprägt. Sie sind aus der Partei ausgetreten oder hinausgeschmissen worden, als der Prager Frühling niedergewalzt wurde. Das Wiener Tagebuch war ihr Rückgrat und wurde zur politischen Ersatzheimat, in der sie sich dem Sozialismus mit menschlichem Antlitz und der Kritik am Stalinismus widmeten, bis auch das obsolet wurde.“,

Hazel Rosenstrauch ist wieder nach Berlin gegangen und hat dort für mehrere Jahre die Zeitschrift „Gegenworte – Zeitschrift für den Disput über Wissen“ redaktionell betreut, deren Ziel es unter anderem war, verschiedene wissenschaftliche Disziplinen miteinander in Dialog zu bringen, den Forschenden zu ermöglichen, einen Blick über die Grenzen der eigenen Fachgebiete zu werfen. Immer wieder aber sind zwischendurch auch eigene Arbeiten erschienen, und alle sind geprägt von dieser ihrer „Heimat“, von der sie in „Beim Sichten der Erbschaft“ spricht und die nicht so einfach festzumachen ist. „Für Österreich und gegen Deutsches votiere ich“, schreibt sie in dem Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel „Drei Heimaten pochen, ach, in meinem Busen…“, „wenn ich die Möglichkeit habe, nicht ‚entweder oder‘ sondern ‚sowohl als auch‘ oder gar ‚sowohl entweder als auch oder‘ zu sagen“. Da ist kein Patriotismus, der sie hinwegsehen ließe über österreichische Widerwärtig- und Entsetzlichkeiten, aber da ist genauso wenig vorauseilender Gehorsam, Anbiederung an den großen geschäftstüchtigen Bruder, den „Bewältigungsvorzugsschüler“, wie sie ihn nennt, die einen anderen Träger dieses Staatspreises 1995 zu dem Diktum verführt hat – und er hat es unlängst in leicht abgewandelter Form wiederholt – , „Österreich müsste sich heute wieder Deutschland anschließen, aber diesmal aus antifaschistischen Gründen“. Ein solcher Satz, der der postfaschistischen Geschichtslüge vom unschuldigen Opfer Nazideutschlands die andere entgegensetzt, Österreich habe sich 1938 freiwillig und widerstandslos für den Anschluss entschieden, der also – und darum kann dieser Satz auch nicht als Witz durchgehen – alle jene beleidigt, die unter Einsatz ihrer Leben für dessen Unabhängigkeit gekämpft haben, wäre Hazel Rosenstrauch niemals – sagen wir es freundlich – unterlaufen. Das heißt aber nicht, dass sie sich davor scheute, sich in gefährliches Gelände zu begeben, zurückschreckte vor provokanten Thesen. Allzu flächendeckende politische Korrektheit, allzu demonstratives Gutsein reizt sie zum Widerspruch, der „Bewältigungsvorzugsschüler“ ist ihr verdächtig. Dem Verhältnis zwischen Deutschen und Juden, Tätern und Opfern, und der gegenwärtigen Dauerpräsenz der Erinnerung an den Massenmord, wo immer man seinen Fuß hinsetzt, der, wie sie es nennt, „Verbewältigung“, hat sie mehrere höchst differenzierte Texte gewidmet, die in dem Band „Juden Narren Deutsche“ gesammelt sind. Es fehlt die Zeit, an dieser Stelle ausführlicher darauf einzugehen, ich empfehle Ihnen daher: Lesen Sie selbst. Lesen Sie alle Bücher von Hazel Rosenstrauch, sie können uns wappnen gegen die Folgen der wachsenden Gleichgültigkeit. Und sie können mithelfen, dass diese Welt nicht endgültig denen ausliefert wird, von denen es in dem nun folgenden Lied auf gut Wienerisch heißt: „De Gfrasta haum si olas eignaad / Di Wöd, in Himmü und a d´ Hö / Wauns da d´Botschn endlich aufdraad /
woins gaunz am Schluss a no dei Sö.“

Hazel Rosenstrauchs Seele, da bin ich sicher, ist unverkäuflich. Dafür danke ich ihr. Und zum Österreichischen Staatspreis für Kulturpublikzistik gratuliere ich ihr herzlich.

 

Lied: Kollegium Kalksburg: „Zwischen d‘ Finga“

 zwischn d´ finga
w.v.wizlsperger / ditsch, skrepek

da ane mocht am liabstn metta
da aundre an maschinschreibkuas
i moch bresln und brobleme
und sicha niggs mea wos i muas

weu is lebm zarinnt uns zwischn d´finga
scho muagn kauns ogreend sei fia imma
und samma a ole entbealich
samma eahlich, es is healich!

«
sea vüle woatn auf a wunda
und betn fest das´s wunda wiad
gauns am schlus sans daun vawundat
waun goa niggs wundaboas basiat

und is lebm zarinnt uns zwischn d´finga
scho muagn kauns ogreend sei fia imma
und trotzdem i sog ihnas eahlich
a wauns wuaschd is, es is healich!
«
an frein wün hasds hauma ole
und ole gfrein si driwa sea
wauns wos griagn wos goa ned woin haum
gfrein sa si driwa umso mea

und die zeit zarinnt uns zwischn d´finga
scho muagn kauns ogreend sei fia imma
und samma a ole entbealich
sogns is eahlich, is es nicht healich!
«

de gfrasta haum si olas eignaad
di wöd, in himmü und a d´ hö
wauns da d´botschn endlich aufdraad
woins gaunz am schluss a no dei sö

und die zeit zarinnt uns zwischn d´finga
scho boid wiads ogreend sei fia imma
und trotzdem i sog ihnas eahlich
a wauns wuascht is, es is healich!

und samma a olle entbealich
samma eahlich, es is healich!

 

 

 

 

 

 

 

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