Habsburgs jüdische Soldaten

Rezension erschienen im Freitag vom 21. August 2014

Unerwartete Emanzipation
Studie Wie angesehen Juden in der Armee der Habsburgermonarchie waren, belegt Hofrat Erwin A. Schmidl

Es gehörte zum Stolz der Zionisten und gehört noch immer zum stolzen Selbstverständnis von Israelis, dass Juden gute Soldaten sein und kämpfen können. Das Gewicht, das an dieser
Hervorhebung hängt, hat mit einem wirkungsmächtigen Bild zu tun, das die Angehörigen dieser Minderheit als feige und schwächlich und Vaterlandsverräter sowieso charakterisiert hat.
Der Militärhistoriker Erwin A. Schmidl, der vermutlich beste Kenner der Geschichten jüdischer Soldaten in der österreichischen Armee, räumt in seinem Buch Habsburgs jüdische Soldaten 1788 – 1918 nicht
nur mit diesem Vorurteil auf. Er widerlegt auch ein anderes Ressentiment: Dass Österreich viel stärker von antijüdischen Vorurteilen belastet sei als Preußen, wo 1812 ein Emanzipationsedikt erlassen wurde – das allerdings nach 1815 weitgehend zurückgenommen wurde. Juden und Militär vertrugen sich noch lange nicht, zumal in höheren Rängen. Der preußische jüdische Offizier Meno Burg – seine Geschichte meines Dienstlebens wurde 1998 neu aufgelegt – gilt als Ausnahme.
Bei Schmidl erfährt man, dass Österreich „zu den ersten Ländern in Europa gehörte, die in der Neuzeit Juden zum Militärdienst heranzogen“. Emanzipation verlief in der Habsburgermonarchie anders als in Preußen. Der in mancher Hinsicht revolutionäre Kaiser Joseph II. erließ 1782 ein Toleranzpatent, das Juden „durch vermehrte und erweiterte Nahrungswege von dem ihnen so eigenen Wucher und betrügerischen Handel“ abbringen sollte; mit der Einziehung zum Militär würden Juden aufhören, ein besonderes Volk zu sein, meinte ein zeitgenössischer Autor.
In der Habsburgermonarchie haben zwischen 1793 und 1815 über 36.000 Juden im kaiserlichen Heer gedient, 1805 gab es einen ersten jüdischen Offizier (Maximilian Arnstein), getaufte Juden waren schon
Mitte des 18. Jahrhunderts akzeptiert. Seit den Napoleonischen Kriegen waren Karrieren vom Major bis zum Feldmarschall möglich, 1855 gab es bereits 59 jüdische Offiziere und 110 Militärärzte. Mehrmals
betont der Verfasser, dass Juden nicht nur, wie ein zähes Vorurteil besagt, im „Train“, also im Fuhrwesen im Hinterland gedient haben, sondern so tapfer an der Front kämpften und fielen wie ihre christlichen
Kameraden. Konflikte waren eingeschlossen, zum Beispiel als jüdische Soldaten 1848 gegen die Aufständischen eingesetzt wurden und es unter den Demokraten besonders viele Juden gab.
Das österreichische Heer war gedacht und funktionierte auch als Instrument der Integration von Minderheiten, und im Vielvölkerstaat waren das nicht nur Juden.
„Kaiser Franz Joseph legte besonderen Wert auf die Einheit und übernationale Stellung seiner Armee.“ Böhmen und Kroaten, Rumänen, Ungarn, Tiroler und Lodomerier hielt kein nationaler Patriotismus, sondern am ehesten noch die Treue zum Kaiser zusammen. Der Vorstand der österreichischen Militärkanzlei war zeitweise ein ru-mänisch-orthodoxer Offizier.
Die Toleranz soll innerhalb des Militärs größer gewesen sein als in der Zivilbevölkerung und das Offizierskorps habe sich gegenüber dem steigenden Antisemitismus als „vergleichsweise immun“ erwiesen. Zur
Integration trug auch die Neigung der Militärs zum Schuldenmachen bei – ein Schelm, wer die recht häufigen Eheschließungen von Offizieren mit jüdischen Töchtern aus gutem Hause damit in Verbindung bringt.
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, waren die jüdischen Offiziere dann genauso kriegsbegeistert wie ihre katholischen oder christlich-orthodoxen Kameraden, nach dem Krieg organisierten sie sich im jüdi-
schen Frontkämpferbund, noch 1936 fand in Wien ein Weltkongress jüdischer Frontkämpfer samt Heldengedenken statt. Mit der Einführung der Nürnberger Gesetze nach dem „Anschluss“ durften sogenannte
Vierteljuden noch bis 1940 in der Wehrmacht kämpfen.
Hofrat Schmidl ist jedem noch so kleinen Hinweis nachgegangen. Dass er sich für jeden Rat höflich bedankt, mag manchen Lesern kurios erscheinen, es wird dadurch jedoch auch sichtbar, welche detek-
tivischen Künste nötig waren, um Militärgeschichte als Sozial- und Kulturgeschichte
zu schreiben. Was aber wird aus dem Stolz ohne das Vorurteil?

Habsburgs jüdische Soldaten 1788 – 1918
Erwin A. Schmidl Böhlau 2014, 264 S., 29,90 €

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