Wie ich wurde ...

In London bin ich geboren, weil meine österreichischen Eltern dorthin geflüchtet sind. Die Volksschule habe ich in Floridsdorf besucht, wir hatten eine sehr kluge junge Lehrerin, die sich um das Miteinander der Kinder aus sehr unterschiedlichen Milieus bemühte (Flüchtlingskinder, Nazikinder, Kinder von Juden und Atheisten, von Zigeunern, Ungarn oder Rumänen).

Als Gymnasium wählten meine Eltern die Stubenbastei, die einzige Schule in Wien, die Russisch als Hauptfach anbot und wo die meisten Remigranten ihre Kinder hinschickten. Es war eine sehr liberale Schule, eine der wenigen, in denen Buben und Mädel gemeinsam unterrichtet wurden. Aber mein Klassenlehrer wollte mich nicht, er empfahl meinen Eltern, mich von der Schule zu nehmen, sonst würde er dafür sorgen, daß ich die drei „Fünfer“ bekomme, was dazu führt, daß man aus der Schule fliegt.

Es folgten vier Jahre Handelsakademie, reine Mädchenklassen, wegen Raummangels hatten wir nachmittags Unterricht, meine Schwester, mit der ich das Zimmer teilte, mußte frühmorgens zur Schule. Wie ich diese Ausbildung in Fächern wie Finanzmathematik, Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaft etc. überstanden habe, weiß ich bis heute nicht, war aber von den 63 Anfängerinnen eine der 13, die es bis zum Fachabi schafften.

Mit 18 ging ich in die USA, genauer gesagt nach New York, das gelobte Land, Inbegriff von Freiheit und Fortschritt, staunte über Plakate wie „You don't have to be jewish to love Levis Rye-Bread“ … wieso konnte man mit Juden Reklame machen. Auch der Rassismus gegen Schwarze war noch spür- und hörbar. Da mich die Nachfahren von Mc Carthy (nicht Paul, nicht Mary, sondern der Kommunistenfresser) nicht wollten, zog ich nach Kanada, Toronto und fand einen Job in der Canadian Imperial Bank of Commerce, abends tippte ich für einen deutschen Unternehmer dessen Briefe. Wohnte unter falschem Namen bei Leuten, die 1945 aus Deutschland geflüchtet waren, das antisemitische Coming-out des Schwiegersohns überstand ich ebenso selbstbewußt wie die Absage eines jüdischen Geschäftsmanns, der mir – als ich meinen richtigen Namen sagte – mit heftig jiddischer Aussprache erklärte, er arbeite nicht gern mit Jidden.

Nach anderthalb Jahren hatte ich genügend Geld verdient, um nach Europa zurückzukehren, übrigens damals noch mit dem Schiff. Ich nahm mir in Wien ein Untermietzimmer, büffelte an der Abendschule, fand dank der Vermittlung meines Zahnarztes den ersten Assistentenjob bei einer Wirtschaftszeitschrift, bekam die für ein Studium der Geisteswissenschaften nötigen Zeugnisse von der Externistenreifeprüfungskommission. Nochmal Rassismus. Meine erste größere Recherche befaßte sich mit der Situation ausländischer Studenten (nicht „Studierenden“, denn Frauen gabs kaum) in Wien. Afrikaner und Nahöstler lebten damals ziemlich segregiert, hatten eine eigene Mensa, eigene Bibliothek und kaum Kontakt zu Einheimischen. Mein Chef nahm das Material, änderte Anfang und Ende und machte daraus einen Pro-Südafrika-Artikel. Ich tobte, kündigte, nach einer Woche rief er mich an und fragte, wenn Sie solche ideologischen Schwierigkeiten haben, wollten sie nicht als Photographin bei mir arbeiten. Das war Liberalismus. Tat ich natürlich nicht.

1965 Umzug nach Berlin, Studium der Germanistik, Philosophie und Soziologie an der Freien Universität Berlin. Magisterarbeit über ‚Die Rolle der Gartenlaube für die Konzeption und Verbreitung von Marlitts Romanen. Studie zur Trivialliteratur‘ (Betreuer Prof. Eberhard Lämmert). Zur Ausbildung gehört, dass ich Mitte der 60er Jahre kopfüber in die Studentenbewegung gefallen bin. Mich haben das Antiautoritäre und die radikale Veränderung der Umgangsformen, die stundenlangen Diskussionen am Mensatisch und das Ausmisten der Germanistik-Bibliothek (Nazischrifttum!) nachhaltig beeinflußt.  Lernen und Leben, die Freundschaften mit Hippies und Marxisten, die Dinge/Texte/Wahrheiten umdrehen und Experimentieren wirken bis heute nach. An K-Gruppen und dgl. hab ich nicht mitgemacht, das kannte ich schon aus meiner Jugend. Ein kleines privates Jurastudium konnte ich absolvieren, weil ich jahrelang in einen Prozess gegen den ehemaligen Polizeipräsidenten Duensing verwickelt war – wegen Rechtswidrigkeit des Polizeieinsatzes am 2. Juni 1967, ich hab den Prozess gewonnen. Frauenbewegung, die Gründung von neuen Zeitschriften und Kleinverlagen, der deutsche Herbst und einige unglückliche Liebesgeschichten gehören zu meiner Schule des Lebens.

Wie bin ich zum Schreiben gekommen? Meine Schwester behauptet, ich hätte mit acht oder neun Jahren einen ersten Preis bei einem Schreib-Wettbewerb gewonnen, daran erinnere ich mich nicht. Soweit ich es noch weiß, habe ich abgesehen von Gedichten für Familienfeste und vielen Briefen mit dem literarischen Schreiben angefangen, weil ich für meine Schulfreundinnen Liebesbriefe verfaßt hab.