Warum ich Kleinverlage liebe

für Lisette Buchholz
hazel Rosenstrauch

Publishing date: 

20/03/2013

Publisher: 

HR

Reihe: 

Edition: 

Erstauflage

Physical description: 

virtuell

Published in: 

http://hazel.rosenstrauch.com/published-medium/fliegende-schildkröte

Person: 

  • Lisette Buchholz

Laudatio auf Lisette Buchholz anlässlich der Verleihung des Baden-Württembergischen Landespreises für literarisch ambitionierte kleinere Verlage

Warum ich Kleinverlage liebe. Aus Anlass der Verleihung des Baden-Württembergischen Landespreises für literarisch ambitionierte kleinere Verlage an den persona-verlag. Ich beginne, wie es sich unter Büchermenschen gehört, mit zwei Zitaten. *) Das erste ist aus dem Jahr 1785: „Sie [die Verleger] wohnen in Pallästen, und der Gelehrte nur zu oft in einer schlechten Hütte. Sie haben getäfelte Fußboden und marmorne Säle, und der Gelehrte hat kaum ein enges Stübchen. Sie opfern dem Gott Bacchus in Champagner und Tokaier, und der Gelehrte trinkt seinen Gerstensaft. Letzterer muß auf den folgenden Tag sorgen und Nächte bei der Lampe arbeiten, um seiner Familie den nothdürftigen Unterhalt zu verschaffen, und sie durchschwelgen die Nächte ... und leben alle Tage herrlich und in Freuden.“ Das Zweite ist aus dem Jahr 1859 „Verdienen ist ein Hauptwort nicht nur für Jedermann, sondern namentlich auch für den Kaufmann, den [Verleger und] Buchhändler! Vom Verdienste soll man leben und sich, und oft noch eine sehr zahlreiche Familie daneben, bekleiden; man soll davon sehr theure Miethen für Wohnungs- und Handlungsräume bezahlen; man muß Commissionaire, Lehrlinge, Markthelfer unterhalten resp. bezahlen, Handlungsutensilien anschaffen und unterhalten, sehr theures Holz beschaffen, theure Schaufenster – weil es einmal die Mode jetzt so erfordert und die Bücher die Abnehmer jetzt suchen müssen, statt daß es früher umgekehrt war – anlegen; und noch viele Dinge mehr muß man vom Verdienste bestreiten, die alle anzuführen zu weitläufig wäre, und auch Einem nicht gleich Alles einfällt!“ Abgeschrieben habe ich das bei Hans Widmann, der die Bedingungen und Zustände des Buchwesens quer über die Jahrhunderte untersucht hat. Er lehrte mich, dass es immer auf die Perspektive und die Zeitumstände ankömmt. Die Verhältnisse zwischen Gelehrten und Verlegern sind bis heute recht unterschiedlich, sie hängen vom Ruhm des Autors, der pekuniären Macht des Verlags, aber auch von Zuneigungen und persönlichen Marotten ab. Ich spreche hier nicht als Verlegerin und nicht als preisverleihende Delegierte eines Ministeriums, sondern als Autorin, die fast alle ihre Bücher in Klein- und Kleinstverlagen – und besonders gern bei persona – veröffentlicht hat. Das ist, nach Marktgesetzen betrachtet, unklug, wie man mir oft sagt. Es gibt jedoch andere Kriterien für diese Wahl, und sie will ich hier preisen, auch wenn die Versuchung, dem Kleinverlag untreu zu werden, immer wieder aufgetaucht ist. In solchen Fällen habe ich meine Lieblingsverlegerin Lisette Buchholz jeweils um Erlaubnis gefragt, und es gehört zu ihrem typisch kleinverlegerischen Verständnis für die Nöte und Begierden ihrer Autorinnen, dass sie stets ihren Segen gab, wenn ich fremd ging. Gerade wegen meiner Seitensprünge weiß ich, wovon ich rede, wenn ich die Zwerge des Gewerbes rühme: In Kleinverlagen sind die Beziehungen schon wegen der kürzeren Kommunikationswege meist enger als in großen Verlagen ... wir haben fast keine Geheimnisse voreinander. Es gibt natürlich auch sehr unterschiedliche Kleinverlage: Ein-Frau oder Ein-Mann-Verlage, unter letzteren auch solche, in denen Ehefrauen und Töchter zur Mitarbeit herangezogen werden können. Es gibt sogar Kleinverlage, die sich eine Sekretärin und/oder PR-Frau (!) leisten können und einige, ich vermute wenige, die mit Geld umgehen können (und ggf. zu Mittelverlegern, auch Mittelverlegerinnen mutieren). Zu den besonders häufig genannten Charakteristika dieser Spezies gehört die Selbstausbeutung, deshalb erwähne ich auch jene Kollektive, die es in meiner Jugend gab, wo sich nicht nur eine Person, sondern eine ganze Gruppe selbst ausgebeutet und stundenlang über jeden Titel diskutiert hat. Kleinverlage sind nichts für Leute, die Sicherheit, Karriere und ein geregeltes Leben lieben. Ich weigere mich, sie Idealisten zu nennen, auch wenn in dem Gewerbe oft nur Ideale ... oder doch eher Illusionen? helfen, etwa wenn es gilt, die Unbilden bei nicht bezahlten Rechnungen und die Beschwerden von Geschäftspartnern zu ertragen, oder Autorinnen zu besänftigen, die sich mehr Werbung und Lesungen wünschen. Als Autorin weiß ich: Je kleiner der Verlag, umso wichtiger ist meine Arbeit; der Verleger, die Verlegerin hegen ihre Schreiberlinge, Herzblut strömt auf beiden Seiten der Barriere und ergießt sich deshalb auch zwischen die Zeilen meines Textes. Ich bin keine Nummer und nur bedingt die Investition, die sich lohnt (finanziell zumindest). Wenn der Kleinverlag nicht allzu groß ist, muss ich mich nicht über diverse Instanzen vom Lektor über Abteilungsleiter, Werbeabteilung, Vertreterkonferenz und Geschäftsführern durchkämpfen, um zum Spitzentitel zu werden. Ich muss auch nicht Bücher über Themen schreiben, die sich bestsellerbesoffene Programmleiter ausdenken. Und treffe bei Festen, Messen und in dem Netzwerk, das Verlage ja auch immer sind, keine in ihrem Narzissmus gefangenen Promis, sondern neugierige Individuen. Die Kleinverlegerin, jedenfalls diese, will meine Sprache und meine Stoffe nicht ihren Zwecken anpassen, ich muss mich nicht verbiegen, um in die nach den jeweils neuesten Umfragen marktgerechte Mischung zu passen. Mein Buch ist wichtig und die Verlegerin tut alles dafür, was in ihrer beschränkten Macht steht. Sie schreibt Briefe und mailt, telefoniert und faxt, twittert und fazbookt, macht die Kratzfüße, die ich nicht zu machen bereit bin, und trägt ihre Autorin auf elektronischen Wellen durch die Welt. Über den Nutzen von Kleinverlagen brauche ich hier nicht viele Worte zu verlieren, in diesem Kreis weiß man, dass sie der Humus sind, aus dem die schönsten, anregendsten und klügsten Bücher wachsen. Aber solche Superlative überlasse ich doch lieber den Werbeabteilungen von Großverlagen. Also sagen wir: hier wird gepflegt, hier wächst etwas, hier ist der Autor und erst recht die Autorin das Goldstück – das ihre Bücher nicht bringen. Man hört und liest, wenn es um Bücher geht, viel von verschwindenden Werten und damit sind ja keine Wert-Papiere gemeint. Was aber oft unter den Tisch der Reden über das selbstlose Engagement fällt, wenn die Rolle von Trüffelschweinen (die ja auch die Früchte meist nicht selbst verspeisen) gelobt wird, ist ein Surplus, das weit über die Erhaltung des Guten und Schönen hinausreicht. Sie, die Kleinverlage und insbesondere der persona-Verlag, halten mehr in der Welt als Texte und Gedanken. Nämlich die Erinnerung daran, dass man Dinge tun kann, von denen man überzeugt ist, und dass man damit, wenngleich nicht üppig, überleben kann. Mit einem modernen verkrampften Begriff ausgedrückt garantieren sie die Nachhaltigkeit von Worten, Gefühlen und Gedanken, ohne die unsere Welt untergehen wird. Ich nenne es den Kampf gegen Entfremdung. Auch er nährt die Kleinverlegerin. Und weil ich nun schon bei der Verwandlung von schwierigen Begriffen gelandet bin, möchte ich einen Vorschlag machen. Wir – die Freunde der geehrten Verlegerin und manch andere Nutznießer staatlicher Förderungen – finden, der Titel dieser Auszeichnung ist ein Zungenbrecher und der Preis hätte es verdient, einen hübscheren Namen zu bekommen. Also suchte ich nach einem würdigen Schutzherrn aus einer Zeit, in der Bücher entstanden, um die Freiheit des Wortes und der Gedanken zu verteidigen. Fündig wurde ich in: Mannheim. Da ein Schutzheiliger, der Bücher macht, um freie Gedanken in die Welt zu setzen, ca. 200 Jahre alt sein muss, konnte ich keine Verlegerin finden. Frauen kommen halt in der Verlagsgeschichte fast nur als Witwen vor, die ihre Geschäftsführer oder auch Lehrlinge heiraten, um das Gewerbe am Leben zu erhalten. Ich hab einen Kandidaten: Christian Friedrich Schwan ist am 12. December 1733 zu Prenzlau, als Sohn eines „Buchbinder-Buchhändlers“ geboren. Nachdem er in Halle und Jena Theologie studiert hatte, begann er „ein unruhiges und wechselvolles Abenteurerleben, das ihn als Schriftsteller, Hofmeister, Korrektor und Auditeur [also Rechtsbeistand im Militär] bis nach Haag im Westen und nach St. Petersburg im Osten führte“. 1765 kam er in eine glücklich Lage: er heiratet die Tochter des Hofbuchhändlers Eßlinger aus Frankfurt. Das bringt die Wende, denn „der Schwiegervater überließ ihm die Buchhandlung in Mannheim als Mitgift. Schwans Haus wurde schnell zu einem Mittelpunkt des eben erst erwachenden litterarischen Lebens“. Wie damals üblich war er sowohl Buchhändler wie Verleger, er gab u.a. Komödien, eine Kostümgeschichte und die Zeitschrift „Der Unsichtbare“ heraus; 1792–98, also am Höhepunkt der napoleonischen Eroberungen, erschien in der Verlagsbuchhandlung Schwan ein französisches Wörterbuch in sieben Quartbänden. Darin findet sich die Widmung: „Trocken ist freilich die Arbeit, woran schon Jahre mich fesseln, Aber sie lohnt doch dem Geist mit mancher nützlichen Kenntniß. Muthig verfolg’ ich die Bahn, die endlich zum Ziele mich führet.“ 1794 verlässt er Mannheim und zieht nach Heilbronn, dann nach Stuttgart und zuletzt nach Heidelberg, dort stirbt er am 29. Juni 1815. Schwan hat gegen die in Süddeutschland damals sehr aktiven Nachdrucker gekämpft, die den „ehrlichen Buchhandel“ mindestens so bedrohten, wie die illegalen Downloader und Afterbuchhändler von heute. Er stand „besonders jüngeren Schriftstellern mit Rath und That bei“, verkehrte mit dem rebellischen Dichter und Journalisten Christian Friedrich Daniel Schubart, diesem berühmten Sohn Württembergs, der am Hohenasperg im Gefängnis schmoren musste und zuletzt in Stuttgart heimisch wurde. „Auch Lessing, Wieland, Herder, Goethe und Schiller dankten ihm manchen Freundschaftsdienst und erlebten, wenn sie nach Mannheim kamen, in seinem Hause die angenehmsten Stunden“ steht in einer seiner Biographie. Schwan hat unter anderem Schiller’s Bekanntschaft mit Wolfgang Heribert von Dalberg, dem Intendanten des Mannheimer Theaters, vermittelt und damit dessen „Räubern“ den Weg aufs Theater gebahnt. Schiller sah in ihm den zuverlässigsten unter seinen Freunden in Mannheim und hielt – allerdings vergeblich – um die Hand seiner Tochter an. Dieser potenzielle Pate für den schwer auszusprechenden Preis ist also in der Welt herumgekommen, von Brandenburg bis Württemberg, von Petersburg bis nach Stuttgart waren die Wege damals weit. Er fand seine letzte Heimstätte in Heidelberg, was für baden-württembergische Ehrungen gut passen könnte. Er war mutig und engagiert, Gastgeber und Freund aufgeklärter Köpfe. Und er hat einen Namen, aus dem sich ein hübsches Logo machen ließe. Ich sehe ihn mit ausgebreiteten Schwingen über badische und württembergische Landschaften schweifen; alle zwei Jahre macht er dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst seine Aufwartung, um abenteuerlustigen, geselligen Kleinverlegern eine Feder aus seinem Gefieder zu spenden. Schwan-Preis wäre kürzer, das spart Druckkosten und lässt sich leichter aussprechen als „Landespreis für literarisch ambitionierte kleinere Verlage“. ... Aber das ist nur so ein Vorschlag, um mutige Kleinverleger in eine Traditionsreihe zu stellen. Aufgeklärte Vorfahren kann man in deutscher Geschichte schließlich immer brauchen. Vielleicht passt Schwänchen noch besser, da es ja um kleine Verlage geht? So oder so will ich ihn meiner Freundin und Verlegerin Lisette Buchholz als stillen Teilhaber einer langen Geschichte couragierter Kleinverleger beigesellen und ihr und der Jury, die sie ausgewählt hat, seeeehhhhr herzlich gratulieren. Ich danke fürs Zuhören. *) Die Zitate sind diversen buchhandelsgeschichtlichen Werken entnommen (Hans Widmann, Johann Goldfriedrich u.a.) und wurden zum Teil aus rhetorischen Gründen leicht verändert © Hazel Rosenstrauch

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