Gedenken, Erinnern, Vergessen - Überprüfen, Sortieren, Erneuern

Hazel Rosenstrauch

Publishing date: 

2013

Publisher: 

Hazel Rosenstrauch

Reihe: 

Edition: 

Erstauflage

City: 

Im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit 2013, Veranstaltungsreihe "Sachor. Der Zukunft ein Gedächtnis", Hg.gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Kassel e.V.

Gedenken, Erinnern, Vergessen – Überprüfen, Sortieren, Erneuern

 Wir leben in einer hochspezialisierten Gesellschaft und so sind auch Spezialisten, Institute, Studiengänge, Schul- und Lehrbücher, Lexika, Ausstellungen und Vereine, Wallfahrtsorte und Festtage entstanden, die sich mit der „schrecklichen deutschen Vergangenheit“ beschäftigen … wie das noch vor ein paar Jahren hieß. Seit mit dieser Formulierung eine Berührungsangst umschrieben wurde, ist viel passiert. Der Umgang mit dem Thema hat sich differenziert, man sieht genauer hin, und wer feinsinnig ist, kann die unterschiedlichen Schulen daran erkennen, ob über Auschwitz, Holocaust, Shoa, Genozid, Drittes Reich, 2. Weltkrieg oder Hitlerismus gesprochen wird. Oder auch, wie es in historischer Abfolge heißt: Machtergreifung, Machtübernahme und nun auch in den oberen Etagen von Festveranstaltern politisch korrekt: Machtübergabe, ein Ausdruck, der in den 1980er Jahren bestenfalls in einer kleinen Subkultur gebraucht wurde. Das sind feine Unterschiede, die zeigen, wie sehr man heute um genaue Worte ringt. Auch der Übergang von der Niederlage zur Befreiung am 8. Mai 1945 gehört hierher, er hat sich nur langsam vollzogen, aber ich will doch festhalten, dass mittlerweile nur noch Vorvorgestrige die Befreiung nicht auch als ihre Befreiung ansehen.

 Es grenzt an ein Wunder, dass Inhalte und Gefühle, die an dieser offenkundig nicht vergangenen Vergangenheit hängen, trotz der Spezialisierung auch im Alltag angekommen sind, und keineswegs nur von Fachleuten, sondern auch in der sogen. Zivilgesellschaft diskutiert werden. Die Ablehnung von Judenhass – und die Finanzierung von Instituten und Museen, jüdischer Einwanderung und Klezmer-Musik – ist ein akzeptierter Teil der deutschen Kultur geworden. Amerikaner, Türken, Franzosen, auch Holländer oder Kroatinnen sprechen mit großem Respekt von dieser deutschen Kunst, mit der eigenen Vergangenheit so kritisch und gründlich umzugehen. Anders als noch vor 15 oder 20 Jahren ist die Verurteilung des Naziregimes und der Ermordung – von Juden oder auch Christen, die als Juden definiert wurden, von Regimegegnern, Slawen, Partisanen, Zigeunern, Kranken und Schwulen – weitgehend zur Norm geworden. Das ist nicht selbstverständlich, und diejenigen, die sich hierher bemüht haben, wissen zu gut, dass je nach Umfrage 15 - 30 % der Bevölkerung (nicht nur der deutschen) rechtsradikalen Gedanken zuneigen.

 Wie ich schon angedeutet habe, bin ich gegenüber manchen Bewältigungsformen skeptisch, sogar der Meinung, wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher. Zäsur und Besichtigung bieten sich nicht nur an,

  • weil die letzten Zeugen gestorben sind,

  • weil wir in einem neuen Jahrtausend mit neuen Kommunikationsformen und länderübergreifenden Riten leben;

  • weil die nationale Geschichte für die heute Jungen sehr weit weg ist und sie – in Schulen, Filmen, Festreden − von nicht immer hervorragenden Pädagogen mit dem Thema überfüttert werden, und nicht zuletzt,

  • weil manche Gedenkformen erstarrt und bedeutungslos geworden sind.

 Natürlich habe ich kein Rezept, ich habe keinen Lehrstuhl für Prognosen über die Zukunft der Erinnerungskultur und bin keine Fachfrau für deutsch-jüdische Belange, schon weil mir diese Gegenüberstellung hier deutsch – da jüdisch, schwer über die Lippen geht. Aber ich bin im Mai 1945 in der Emigration geboren, habe mit dem einigermaßen selbständigen Denken begonnen, als der (dank Hilfe von Kirchenleuten) in Argentinien lebende Ricardo Klement, besser bekannt unter dem Namen Adolf Eichmann, vor Gericht gestellt wurde, machte Abitur, als in Frankfurt der 1. Auschwitz-Prozess begann. Aufgewachsen bin ich in Wien, wo Antisemitismus normal war. Von den Wochen der Brüderlichkeit und Aktion Sühnezeichen habe in meiner Jugend nichts mitbekommen, ich bin erst mit 20 Jahren nach Deutschland eingewandert. Aber wir wussten schon als Kinder, was die Tätowierung am Unterarm von Leuten bedeutete, die bei uns zu Hause verkehrten. Es liegt für mich deshalb nahe, die Jahresringe der Umschulung zu beobachten, um ein wenig Ordnung in die Vielfalt von Reue und Mahnung zu bekommen. Ich skizziere einige Beobachtungen der Verwandlungen in Deutschland, um meine Wünsche an die Zukunft des Erinnerns verständlich zu machen.

 Erst einmal finde ich es wichtig, zwischen Gedenken und Erinnern zu unterscheiden. Gedenken ist offiziell und meist ritualisiert, Erinnern ist etwas Persönliches und hat mit der eigenen Geschichte, mit Erfahrungen und individuellen Gefühlen zu tun. Man könnte auch sagen, Gedenken ist domestiziertes, in Formen (oder auch Beton) gegossenes Erinnern. Es kann Erinnern ersparen, sogar verhindern.

 Als ich zum Studium nach Berlin kam, begannen die deutschen Söhne und Töchter, über den Nationalsozialismus und die Rolle ihrer Eltern nachzudenken und schämten sich, deutsch zu sprechen, wenn sie ins Ausland fuhren. In der germanistischen Bibliothek standen noch die Handbücher aus der Nazizeit, Exilliteratur kam im Lehrplan nicht vor. Hingegen viel deutsche Romantik. Ich war im 3. Semester, als die Wirtin meines damaligen Gspusis dessen Eltern warnte, weil sie mitbekommen hatte, dass er mit einer Jüdin befreundet war. Innerhalb der heute viel gescholtenen Studentenbewegung haben wir – an den Mensatischen, in Arbeitsgruppen und manchmal in aufgemischten Seminaren – über die autoritäre Persönlichkeit und die Unfähigkeit zu trauern nicht nur gelesen, sondern heftig diskutiert. Die Spuren des Faschismus in der Psyche und in der Erziehung wurden unter anderem mit Rock 'n Roll und Hippiebewegung bekämpft. Ich betone das, weil heute die Entgleisungen – ob Drogen, RAF oder autoritäre lächerliche Parteien – in der Erinnerung an diese Jahre stärker präsent sind als die Auseinandersetzung mit den Vätern und den Repräsentanten des Staates.

 Die Ohrfeige für Hans Georg Kiesinger fällt in diese Zeit, aber auch die Wahl Willy Brandts, des Emigranten, der, wie in meinem „Heimatland“ auch Bruno Kreisky, als Exot und Fremder wahrgenommen wurde. Hans Filbinger, der schreckliche Jurist, wurde noch in Schutz genommen, weil „heute nicht unrecht sein kann, was damals Recht war“. 1978 aber musste er aufgrund der Proteste von seinem Amt zurücktreten. Allerdings wurde dann 1979 das ehemalige NSDAP-Mitglied Karl Carstens zum Bundespräsidenten gewählt. Woher hätte man unbescholtene Politiker nehmen sollen, es gab zu wenige, auch weil niemand aus dem Exil zurückgerufen wurde.

 Der Boom des Gedenkens, der zum Markenzeichen Deutschlands geworden ist, hat erst um die Mitte der 1980er Jahre begonnen, nicht zufällig, als auch die jüngeren Offiziere und Beamten in Ruhestand gingen oder, biblisch ausgedrückt, als jene 40 Jahre vergangen waren, die Moses durch die Wüste gewandert ist, bis die Anhänger der alten Götter verstorben waren. Ein Auslöser, der in meiner persönlichen Erinnerung haftet, waren die 50-Jahr-“Feiern“, als zuerst an 1933, dann an 1938 erinnert wurde. Ich habe noch vor Augen, wie einige Geschäfte am Berliner Kurfürstendamm ihr 50-jähriges Jubiläum mit Luftballons und bunten Bändern feierten. Wir verteilten damals Flugblätter mit Informationen über die Ereignisse vor 50 Jahren. Keiner der feiernden Ladenbesitzer oder Angestellten hatte bedacht, dass „ihre“ Geschäfte 1938 arisiert worden waren.

 Der Grundstock an Material für eine Gedenkkultur stammte in den frühen Jahren zumeist von kleinen Initiativen. In den 1970er Jahren haben Kiez-Gruppen und einzelne Autoren, Kleinverlage und Politaktivisten Material gesammelt, Dokumentationen erstellt, Ausstellungen oder Veranstaltungen organisiert. Sie mussten sich noch gefallen lassen, dass man sie als Nestbeschmutzer beschimpfte, als kaum jemand Anstoß nahm, wenn Witwen von Euthanasie-Ärzten und SS-Obersturmbannführern gute Renten bezogen.

 Persönlichkeiten des kulturellen Lebens, wie mein einstiger Chef Ulrich Eckhardt, von 1973 – 2000 Intendant der Berliner Festspiele, setzten schon Anfang der 1980er Jahre ein Zeichen. Eckhardt dirigierte die erste Ausstellung über Preußen, was damals kühn war, galt Preußen doch als Inbegriff des Militarismus und Verursacher zweier Weltkriege. Noch war die rechtliche Auflösung Preußens durch den Alliierte Kontrollrat in der Erinnerung präsent. Ich wurde für diesen „Versuch einer Bilanz“ angeheuert, um die Öffentlichkeitsarbeit zu machen, und vermute, das hatte nicht zuletzt mit meinem schönen jüdischen Namen zu tun ... der ja auch Verwendung fand, wenn aus Israel oder den USA Post kam mit der Frage, was es zu bedeuten habe, dass Preußen wieder gefeiert wird.

 Eckhardt sorgte damals dafür, dass das Gelände des ehemaligen Prinz-Albrecht-Palais, bis 1945 Gestapo-Hauptquartier und dann ein Schuttplatz, auf dem man ohne Führerschein Autofahren konnte, freigelegt wurde. Mittlerweile steht dort die Topographie des Terrors, die sich mit den Tätern auseinandersetzt (nach vielen Kämpfen nun öffentlich gefördert und beachtet). Vier Jahre später hielt Richard von Weizsäcker, Sohn eines belasteten Vaters, jene berühmte Rede, in der der 8. Mai nun offiziell als Tag der Befreiung definiert wurde. Er sagte u.a.: „Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.“ Und weil es so gut in meine Stammesgeschichte der reuigen Deutschen passt, füge ich ein Zitat von Gerhard Schröder an: Er gratulierte damals Weizsäcker mit den Worten: "Sie haben es mit dieser international so viel beachteten Rede vermocht, eine neue historische Identität zu schaffen und eine kollektive Norm zu setzen. Diese Rede hat das Geschichtsverständnis und die Erinnerungskultur der Deutschen nachhaltig beeinflusst, sie in gewisser Weise geöffnet und europäisiert."

 Fürwahr, es hat sich viel geändert, gewiss nicht nur durch die Rede Weizsäckers, sondern weil dieser Gedanke aufgenommen und gestreut wurde und in vielen Facetten in die Gedenkkultur, in Mahnmale, in die Architektur und den Straßenbelag deutscher Städte eingegangen ist. Die NS-Vergangenheit wurde, mit den Worten des berühmten Historikers Hans Mommsen, „zum unerlässlichen Bestandteil der nationalen Identität.“ (Die ZEIT 30.8.12) Mittlerweile schämen sich Deutsche im Ausland nicht mehr, im Gegenteil, sie hören oft anerkennende Sätze über ihre vorbildliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und mancher Franzose, Schweizer oder Holländer erzählt, was seine Landsleute angestellt haben und wie wenig davon offen diskutiert wird. Preußen wird als Kulturstaat gefeiert und restauriert, und Filme, Bücher oder Konzerte können mit Aufmerksamkeit rechnen, sofern mindestens ein verfolgter Jude oder eine leidende Jüdin vorkommen. Inzwischen bekomme ich jede Woche entweder per Mail oder per Post 3 – 5 Einladungen zu Veranstaltungen, die mit „Auschwitz“ (mein Sammelbegriff) zu tun haben, Radio kann ich kaum mehr aufdrehen, ohne in eine Sendung über das Thema zu geraten.

 Vieles gefällt mir, man hört undeutsch klingende Namen im Journalismus, in der Politik, auch auf Beamtenfluren, auf Bestsellerlisten und in Schulen. Das war vor 20 Jahren noch nicht so. Dunkle Locken und schwarze Augen sind auf Werbeplakaten zu sehen, selbst das wird nicht mehr, wie anno 1967, als ich noch dunkle Locken hatte, als undeutsch und deshalb unzugehörig identifizert. Als ich 1986 eine Morddrohung von einem sogen. Liquidierungskommando bekam und das Ermittlungsverfahren eingestellt wurde, „da es nicht gelungen ist, den Täter zu ermitteln“, bekam ich diese Information auf einem abgerissenen Schmierzettel. Inzwischen ist allgemein bekannt, dass in den Behörden, die solchen Taten verfolgen sollten, eine Sehschwäche auf dem rechten Auge grassiert.

 Manche Vokabel, die zu meiner Studienzeit noch als radikal galt, ist in der Mitte angekommen, in jener Mitte, von der allerdings in letzter Zeit auch im Kontext mit rechtsradikalen Gedanken oft die Rede ist. Als ich 1985 ein Buch und eine Ausstellung mit dem Titel „Aus Nachbarn wurden Juden“ machte, waren Hörer und Besucher noch verstört ob der Kombination dieser beiden Gruppen. Inzwischen ist das ein Topos der Erinnerungskultur, der unter anderem über dem Rathaus Schöneberg prangt. Er ist so selbstverständlich geworden, dass bei mir um die Ecke Bewohner des Hauses Apostel-Paulus-Strasse Nr. 26 ein Marmorschild angebracht haben mit der Inschrift: „Den 28 Nachbarn, Frauen, Männer und Kinder, die in diesem Haus lebten und von den Nationalsozialisten als Juden verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden.“ Den Nachbarn, ja was, zum Dank? Zur Erinnerung, als Geschenk? Ich nehme an, der Marmor war teuer.

 Manchmal ist schwer zu entscheiden, was eine Erzählung vom neuen, toleranten Deutschland und was Realität ist. Sind es die vielen Mahnmale, Bücher und Veranstaltungen oder die 180 von Rechtsradikalen umgebrachten Obdachlosen, Punks, Menschen mit dunkler Hautfarbe, und irgendwie „störendem“ Aussehen? Sind es inzwischen 190? Oder doch „nur“ 68, wie offizielle Statistiken besagen? Erzählen wir von den neu aufgebauten Synagogen, Stolpersteinen und amerikanischen Nobelpreisträgern, die nun als Deutsche gefeiert werden – und sich feiern lassen, auch wenn sie als Kinder aus ihrer Heimat geschmissen wurden ... oder erzählen wir von Hoyerswerda, Mölln, Solingen, Erfurt und Greifswald, von Skinheads, Kameradschaften und NSU?

 Seit 2001 wird der Auschwitz-Tag international begangen, auch in Bangladesh und Mexiko. Der Ort der industriellen Vernichtung von Tausenden Individuen unterschiedlicher Berufe, Glaubensrichtungen und Herkunft ist international zu einem Symbol geworden – oder ist es eine Metapher, mit der das absolut Böse charakterisiert wird? Auschwitz wurde auch schon als Gründungsmythos der Europäischen Union bezeichnet, als – vielleicht letzte – moralische Markierung, die zum Zusammenhalt verpflichtet. Es ist eine Art säkularer Begriff für die Hölle.

 2013 sind in Berlin – ich zitiere „zahlreiche Institutionen, Museen und Gedenkstätten am Themenjahr beteiligt und widmen sich je einem bestimmten Aspekt nationalsozialistischer Verfolgung.“ Es wird gedenkt und gezeigt oder wie ein nicht genannt werden wollender Mitarbeiter dieser Events formuliert: ein immer kleinerer Inhalt wird auf immer größerer Flamme zerkocht.

 Aus diesem Material will ich nun ein paar rote Fäden ziehen, um Wünsche, Vorschläge und Ideen daran aufzuhängen.

 Was mich stört:

  1. die Reduktion auf den Genozid. Auch wenn viel anderes Material gehoben und verbreitet wurde, so gewinnt man doch den Eindruck, dass Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg ausschließlich aus der Vernichtung der Juden bestand.

  2. Mich stört die Rede von „den Juden“.

  3. Es ändert sich langsam, aber soweit ich es beurteilen kann, wird weitaus mehr über die sogen. Opfer als über Täter erzählt, geschrieben, gelehrt und memoriert.

  4. Geht es mir zu oft um Betroffenheit statt um Verstand, die Erregung von Gefühlen rangiert weit vor Analysen.

 „Ohne Beschönigung und Einseitigkeit“ hatte Richard von Weizsäcker versprochen. In den Buchhandlungen und Kinos, Fernseh- und Rundfunkprogrammen, auf Plätzen und in Museen aber finde ich sehr viel mehr Anschauungsmaterial – zum Mitfühlen und Erschrecken – über „die Opfer“ als Aufklärung über die Täter. Das gilt nicht unbedingt für die wissenschaftlichen Arbeiten, aber die „Opfer“, die mit Juden und Jüdinnen gleichgesetzt werden, haben in der Branche Vorrang. Vereinzelt schrieben Autoren meiner Generation autobiographische Abrechnungen mit den Vätern (inklusive Müttern); ich gestehe, ich habe nur wenig davon gelesen, weil sie sich meist entlang moralischer Gut/Böse-Schemata bewegten und das ungute Gefühl weckten, dass es nicht um Geschichten von Menschen, sondern um Rechtfertigung und Verurteilung geht. Dass sich dies jetzt ändert, ist Zeichen für eine neue Gefühlslage und ich bin sehr neugierig, in welche Richtung sich diese Erzählungen über „unsere Mütter, unsere Väter“ entwickeln werden.

 Auch zu dem Begriff „Opfer“ wäre noch viel zu sagen. Erstens ist die Gegenüberstellung von hie Opfer, da Täter eine grobe Vereinfachung, zweitens haben sich die selektierten Individuen keineswegs nur wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen. Drittens haben verschiedene Gruppen von Verfolgten gekämpft (von Juden und jüdischen Kommunisten ganz zu schweigen); und viertens hat doch jeder, der sich um ein Visum bemühte, jede, die sich um Kinder kümmerte, die in Lagern Kranke versorgte oder in den Baracken versuchte, die Moral von Mitgefangenen aufzurichten, sich im Rahmen der sehr beschränkten Möglichkeiten widersetzt. Noch mehr aber stört mich, dass es oft (und vor allem in der Jugendliteratur) um Mitleid und Identifikation mit den Opfern geht. Der Nationalsozialismus scheint vom Himmel gefallen, es gibt kein Vorher, keine Interessen – sei es von kleinen oder großen Profiteuren. Die Arbeitslosigkeit und der Hunger, die doch ein wichtiges Element der Verführbarkeit waren, kommen selten zur Sprache und die Finanzierung und politische Unterstützung Hitlers werden bestenfalls in einer anderen Abteilung, in anderen Räumen und vor anderem Publikum thematisiert. Wir gedenken der Opfer und verurteilen die Täter. „Die und wir“ – egal ob verehrend oder verachtend, macht es schwierig, miteinander auf Augenhöhe zu debattieren.

 Mich stört, dass Gedenken und Erinnern der letzten Jahrzehnte stark von Reue und Buße, Schuld und Sühne geprägt war, als wären die Krematorien ein modernes Fegefeuer und Stolpersteine könnten von einer Erbsünde befreien.

Ein paar Wünsche

 Ich wünschte, man würde endlich aufhören, „die Juden“ als Kollektiv zu sehen, das es so nie – außer unter den Nazis – gab. Es gibt sie so wenig wie eine deutsche Kollektivschuld, es gab und gibt immer noch hunderte Arten, jüdisch zu sein. Nicht-religiöse, rechte und linke, ungarische, polnische, portugiesische, amerikanische, orthodoxe und sozialistische, libertäre und zionistische Juden hatten nicht viel gemein, sie wurden zu „den Juden“ erst durch die Verfolgung und aufgrund von Projektionen, die an christlichen Antisemitismus, an nationalistisch motivierte Antisemitismen in fast allen Ländern, an Neidimpulse und Ängste vor sozialem Abstieg anknüpfen konnte.

 Ich wünschte, man würde schon Kindern vermitteln, dass man im sozialistischen Kibbutz anders denkt, als in der Tradition einer Diaspora, dass Kinder in einer linken niederländischen Familie anders leben als in Dörfern mit orthodoxen Juden, auch anders als Kinder in den von Israel besetzten Gebieten.

 Ich wünschte, die Geschichte des 2. Weltkriegs würde nicht auf den Genozid reduziert, der Unterricht würde nicht auf die Tränendrüse drücken, sondern mit Informationen aufwarten: über den Abstieg der Mittelschicht und die Verzweiflung in der Wirtschaftskrise, über die Unterstützer der NSDAP und „gute Geschäfte“, die Prokuristen, Antiquitätenhändler und Nachbarn beim Ausrauben machten, wie z.B. die von Herrn Abs, dem nach dem Krieg wieder eine schöne Karriere in der Deutschen Bank beschieden war. Ich kann mir vorstellen, dass eine Menge Leute die 30er Jahre viel eher als ihre Geschichte und nicht primär die von mehr oder weniger exotischen Juden ansehen, wenn verarmte Familien und Suppenküchen gezeigt würden, wenn von den Bestechungsangeboten der Nationalsozialisten erzählt wird, den schönen Uniformen und den Karrieren, die nun möglich waren.

 Da ich jeden, der mit mir über das Thema Juden reden oder mich interviewen wollte, frage, warum sie oder er nur über Juden und nicht über Nazis berichtet, bekam ich auch die realistische Antwort: Das verkauft sich nicht. Der Journalist galt als Fachmann, er bekam Aufträge für Jüdisches, Geschichten über Täter, die er angeboten habe, würden abgelehnt, erklärte er mir. Ist das nicht auch eine Form des Wegschauens?

 Ich denke auch an jene Kollegin, die mir bei jeder Begegnung erzählt, dass sie gerade aus Israel kommt oder nach Israel fährt, einen Hebräisch-Kurs macht und sooo viele Freunde dort hat. Sie kommt aus einer Nazifamilie; auf meine Frage, ob sie darüber auch Sendungen gemacht hat, sagt sie, sie habe es ja versucht, aber die Täter würden doch nichts erzählen. Das mag stimmen. Die Erforschung von Tätern, zumal in der eigenen Familie, ist anstrengender, wohl auch bedrohlicher als ein Gespräch mit gebildeten alten und im Glücksfall versöhnlichen Jüdinnen. Aber wie soll ich mit Freunden von gleich zu gleich sprechen, wenn sie sich mit „fremder“ Geschichte identifizieren, sich für meine und nicht ihre Verwandten interessieren. Ich fände es wissens- und überiefernswert, wie die Tochter eines Nazis mit ihren eigenen Gefühlen und Ängsten umgegangen ist, bevor sie sich auf die andere Seite geschlagen hat, ob die Israelbesuche sie heilen und sie ihre eigene Familiengeschichte überhaupt kennt und kennen will. Lieber als ihre Schwärmerei für Kibbutzim wäre mir, sie würde in ihren Sendungen jungen Menschen erläutern, wie man Konflikte „bewältigt“, wenn man nicht flieht und wie man eine Biographie aushält, die sich nicht „bewältigen“ läßt. So ließen sich eventuell Brücken schlagen. Welche Konsequenzen, außer der Liebe zu Juden, hat sie für sich gezogen? Ob sie auch so viele Therapien gebraucht hat wie ich?

 Und ich wünschte, diese enthusiastische Filmemacherin, die begeistert von ihrem nächsten Projekt, einer Liebe im Schatten der Konzentrationslager spricht, würde nicht von „Halbjuden“ reden. Ich habe mir auch gewünscht, sie würde mich nicht arrogant anschnauzen, als ich erklärte, dass dies ein Nazibegriff ist.

Überprüfen, Erneuern

 Vieles imponiert. Und manche Form des Feierns verführt zu Skepsis. Die Deutschen kommen nicht mehr „mit kleinen Sporen und gezog'nem Scheitel auf die Welt“, wie Erich Kästner dichtete. Man ist weniger akkurat und auch in Deutschland gibt es Korruption. Ich wage, daran zu erinnern, dass die Bereitschaft zur Korruption manchmal geholfen hat, Leben zu retten, in Form von Bestechung eines Polizisten, oder „Geschenken“ für Bauern, die ein Kind versteckten.

 Unter dem Gesichtspunkt der Staatsräson ist das Gedenken gelungen. Deutschland konnte sich in die Völkergemeinschaft re-integrieren, die Alliierten haben der Vereinigung mit der Ex-DDR zugestimmt, der Außenhandel funktioniert, Touristen kommen und bewundern „Schland“. Man spielt eine zentrale Rolle in der Weltpolitik – trotz NSU und regelmäßiger Überfälle, die aber angesichts der viel stärkeren rechtsradikalen Bewegungen in anderen Ländern kaum ins Gewicht fallen.

 Seit der Zusammenfügung der zwei deutschen Länder, die so unterschiedlich mit der Geschichte umgegangen sind, ist die Kurve von Büchern und Filmen über den 2. Weltkrieg steil angestiegen. 90-jährige Lagerinsassen oder Zwangsarbeiter wurden eingeladen, Großbauten finanziert. Ich habe mich oft gefragt, ob ein Headhunter engagiert wurde, um für das großartige Jüdische Museum in Berlin einen amerikanischen Direktor zu finden, der sowohl jüdisch-deutsche Wurzeln wie enge Kontakte zur Finanzwelt hat … und der mit potenziellen deutschen Sponsoren unbefangen zu plaudern vermag. Man hat Juden aus der zerbrochenen Sowjetunion eingeladen, und spricht gerne von dem neu erwachten jüdischen Leben in Deutschland, Synagogen werden neu gebaut und Rabbiner ausgebildet.

Wenn in einer meinungsbildenden Publikation wie der ZEIT geschrieben steht, der Holocaust sei zum genuinen Bestandteil der deutschen nationalen Identität geworden, klingt das in meinen Ohren arg pathetisch. Ich habe eher den Eindruck, der Holocaust hängt wie ein gelbes Banner über der Deutschlandfahne, oben am Knauf, als eine Art Winkelement. Ich habe ohnehin Zweifel, ob es eine nationale Identität überhaupt noch gibt, sie erodiert, seit die Jugend frei und grenzenlos durch die Welt fahren kann. Die identifizieren sich – zum Glück – eher mit Musikstilen und Webprogrammen, vielleicht noch mit gewissen Markenartikeln, allemal harmloser als nationale Identität.

 Ich versuche zu sortieren: Auschwitz ist zum Gründungsmythos der Europäischen Union und zum weltweiten Symbol für das geworden, was nicht sein darf. OK. Der industrielle Genozid war das Extrem, aber er ist eben auch ein Beispiel für das Menschenmögliche, und ist damit – leider – ein Modell für das Studium der condition humaine. Es ist viel passiert, ich bin für einen Schlusspunkt – unter die falsche Sentimentalität. Ich plädiere für weniger Tremolo, für mehr Verstand statt Schuldgefühle, gegen jegliche Form von Fundamentalismus. Gedenken könnte der Stoff sein, aus dem man lernt, Wahrheiten anzuzweifeln, an dem sich üben lässt, mit Ambivalenzen und Widersprüchen umzugehen, damit sich Schüler und Lehrer nicht nur mit goodies und badies, sondern auch mit Häretikern und unlösbaren Fragen befassen. Es ist Zeit, Boxen zu öffnen, Regale zu entstauben, festgefahrene Muster hin- und herzudrehen.

 Gedenken und Erinnern besteht aus einer unentwirrbaren Gemengelage von Motiven, Staatsraison; Persönliches Erleben bzw. Verdrängen, Jobs, die entstanden sind und erhalten werden wollen, sind mit Identitätspolitik und Psychogeschichte durchmischt. Es kann deshalb auch keine einheitlichen Ratschläge geben, die Situation für Lehrer ist anders als für Historiker, für Leute, die repräsentative Aufgaben erfüllen anders als für kleine regionale Initiativen, die Anforderungen an Museen sind andere als die an Kinderbuchautoren. Viel Stoff, nicht für ein Happy-End, aber doch für eine Orientierung im unübersichtlichen Streit um verlorene „Werte“.

 Ein paar Ideen

 Da die Fronten klar sind, wäre es interessant, mehr über die Feinmechanik zu wissen. Man könnte aus deutschen Familiengeschichten lernen, was zum Opportunismus, was zum Wegschauen oder Verdrängen verführt, wie Mut entsteht und wie man mit unsicheren Situationen umgeht. Was hat die Großväter und -mütter befähigt, ihre Nachbarn zu verraten, auszuliefern oder eben zu schützen. Die konkreten Umstände des eigenen Vaters bzw. Großvaters, der Großmutter, der Dorfgemeinschaft bieten mehr Stoff für eine Zukunft als die Identifikation mit mystifizierten und angebeteten „Opfern“, Stoff um zu üben, wie man damit lebt, nicht zur Mehrheit zu gehören, wie man selbst denken und am Rande stehen kann. Aus derart eigener Geschichte kann Material werden für die Entwicklung von Resistenz gegen die Verführungen, die „Dazugehören“ und Belohnungssysteme bieten. Schon das tägliche Mobbing in den Schulen und Büros wären Lehrmaterial, um Artikulation und Widerstand zu üben. Da man inzwischen weiß, dass Bildung – die der Akademiker und der Künstler, der Lehrer, Pfarrer, Ärzte und Juristen – nicht geholfen hat, könnte man durch sensible Studien an Deutschen aus der eigenen Verwandtschaft vielleicht herausfinden, wer weshalb gegen das Mitmachen gefeit war und wie schnell sich auch solide Charaktere verändern. Von Sentimentalität oder auch Tabus genervte Einzelne würden kapieren, dass die Soldaten, die Erschießungen befohlen oder auch „nur“ ausgeführt haben, die Männer, die Zugpläne für Deportationen gemacht haben, die schädelvermessenden Ärztinnen usw. keine Teufel waren und nicht das ganz Andere. Selbstverständlich geht es dabei nicht um Rechtfertigung oder Entschuldung, sondern darum, dass die Geschichten zusammen gedacht, nicht separiert und damit nicht weiterhin „die Juden“ segregiert werden.

 Gesetzt den Fall, man würde neben das Gedenken an ermordete und vertriebene „jüdische Mitbürger“ das Denken setzen, könnten Geschichten über die gewöhnlichen Mitläufer dafür sensibilieren, wie dünn die Wand zwischen Zivilisation und Barbarei ist. Das vorhandene, aber abgespaltene Wissen über die Wirtschaftskrise, die Armut, die Angst, die Schlägereien zwischen Rechten und Linken, die Sehnsüchte der erniedrigten Kriegsteilnehmer aus dem 1. Weltkrieg usw. würde nebenher die Augen für die Grobmechanik öffnen. Es wäre eine andere Art von Betroffenheit, wenn man versteht, dass dieses Mitmachen jedem, den eigenen Eltern oder Großeltern und, wenn die Umstände danach sind, einem auch selbst passieren kann. Manche Regel und Institution, die wir – und ich spreche von meiner Generation – für überflüssig gehalten haben, bekäme so vielleicht, mit Familiengeschichte gefüllt, einen nachvollziehbaren Sinn als Schutzwall?

 Das nationalsozialistische Deutschland ist ein Extrem, aber es ist eben auch ein Modell für das Menschenmögliche, das ermöglicht, die Abgründe kennenzulernen, Anschauungsmaterial, um zu verstehen, weshalb es sich lohnt, nicht opportunistisch zu sein und gegebenenfalls auszuhalten, dass man nicht „dazu“ gehört. Es ist der Stoff, aus dem man lernen könnte, wie Massen mobilisiert werden, wie an attraktive Geselligkeitsformen, Protestgelüste oder Feiern angeknüpft und sie für die Zwecke der Nazis umgeformt wurden, was Demagogie ist und wohin eine Werthierarchie zwischen Rassen, Geschlechtern oder Religionen führen kann. Ich sehe nicht fern, aber man könnte ja vor der Folie des Dschungelcamps über die Erniedrigung anderer Menschen sprechen.

 Neulich stieß ich auf die Information, dass sich 39,8 % der werberelevanten Zielgruppe das Dschungelcamp anschauen. Das habe, stand in dem Bericht, mit dem krisenbedingt anschwellenden Bedürfnis zu tun, Menschen im Dreck kriechen zu sehen, ... die Sendung, stand in dem Bericht, sei in der Mitte angekommen, in der sich immer stärker die Wünsche regen, andere Menschen erniedrigt, gequält, unterworfen und ausgebeutet zu sehen.

 Es gibt eine Menge aktueller Bezüge. Wann bin ich bereit, auszugrenzen oder, wie in dem bekannten Milgram-Experiment, die Stromdosis höher zu schalten? Welche Lustgefühle erlebe ich beim Abknallen gezeichneter Gespenster im Computerspiel und bei Gewaltszenen im Film? Welche Verbindungen lassen sich zwischen dem 15 Millionen Mal verkauften Bestseller „Shades of Grey“ und sadistischen Wehrmachtssoldaten herstellen? [hab noch ein paar Ideen, die wir vielleicht nachher diskutieren können … ]

 Es gibt wohl keine Regeln, aber die Auseinandersetzung mit dem Mut zur Abweichung hat gute Chancen, auf Interesse zu stoßen, und aus der Unfähigkeit zu trauern könnte sich das Bedürfnis nach Entschleunigung entwickeln, das wir im vorigen Jahrhundert als Innehalten bezeichnet hätten. Das Trauern über all die verlorenen Leben und Chancen ließe sich verbinden mit einer Traurigkeit über die Erbschaft, die man als Nachkomme von mehr oder weniger eifrigen Mitläufern am Buckel trägt. Dazu könnten Geschichten über Pfarrer gehören, ohne deren Nachforschungen in Kirchenbüchern getaufte Juden oder „Vierteljuden“ nicht entdeckt worden wären. Wie viele haben das nicht getan oder gelogen und gefälscht – was ihnen heute zur Ehre gereichen würde. Was hindert Menschen an Selbständigkeit, wann hat man es nicht nötig, mitzulaufen? Vielleicht werden die Filmer und Gedenker bei der Behandlung solcher Fragen ein wenig melancholisch, wird die Haltung beim Umgang mit dem Thema stiller, nachdenklicher. Und wenn man schon Identität borgt bei Juden – womöglich entwickelt sich sogar etwas von jenem Humor, der aus der Verzweiflung entsteht?

 Das ganze Jahr 2013 hindurch wird da wo ich wohne an die „Zerstörte Vielfalt“ erinnert, viele Museen machen mit, zentrale Flächen wurden mit Litfaßsäulen bestückt, auf denen Bilder und Biografien von Verfolgten gezeigt werden. Manchmal geht es um Nuancen – ein wenig weniger von diesem „wir stehen auf der richtigen Seite“, wir räumen auf, und etwas mehr ja, auch Traurigkeit, weniger Selbstzufriedenheit mit all den schönen Wiedergutmachungsaktionen und ein paar unbeantwortete Fragen ...

 Jedes einigermaßen anspruchsvolle Kinderbuch zeigt heute gelbe, braune und weiße Kinder, auch wenn das weniger mit Toleranz als mit Ökonomie zu tun hat, könnte man sich für die Erinnerungskultur etwas abschauen, z.B. überlegen, wie Kinder von Türken, Russen, Franzosen, Argentiniern oder Italienern sich erinnern und Verbindungen herstellen – zu Armeniern und zum Gulag, zu Mussolini und zur Junta. Wenn von 14-jährigen Schülern, womöglich Kindern von Menschen aus Südanatolien oder dem Kaukasus, Betroffenheit verlangt wird, so ist das heute inadäquat. Wie wäre es mit Informationen darüber, dass zuallererst ausgewiesen wurde, wer keinen deutschen Pass hatte, damals vor allem Polen. Was wissen die Kinder der neu eingewanderten russischen Juden über ihre Vorfahren, die rassebedingt im Gulag gelandet sind?

 Dass zahlreiche Holländer freiwillig zur SS gegangen sind und jüdische Denunzianten beim Aufspüren von „Juden“ geholfen haben, entlastet niemanden, aber es kann Zuschreibungen durcheinander bringen. Wie auch eine Wortwahl, die erkennen lässt, dass die rassisch Verfolgten keine Exoten, sondern Deutsche waren … oder Polen, Rumänen, Ungarn, Russen. Gespräche über Pogrome gegen „Fremde“, die erst zu Fremden gemacht werden, und über Neid, der allgegenwärtig ist, könnte eine Nähe zur eigenen Erfahrung herstellen. Berichte über Kollaboration in den vielen besetzten Ländern würden vor einer Dämonisierung „der Deutschen“ als Kollektiv schützen und wären Anknüpfungspunkte, sodass Kinder nicht-deutscher Herkunft nicht das Gefühl hätten, das ginge sie nichts an; nebenher würden gut deutsch aufgewachsene Kinder, wenn sie nicht unter dem Vorzeichen „deutschen Mörder und jüdische Opfer“ belehrt werden, europäisch fühlen.

 Weniger Gedenken, mehr Erinnern: Kürzlich erzählte mir eine junge Frau, mit deren Eltern ich seit Langem gut befreundet bin, sie sei zufällig darauf gestoßen, dass ein Onkel ihres Vaters Euthanasie-Arzt war und ein anderer Onkel Zwangsarbeiter auf seinem Hof hatte. Es wurde nie darüber gesprochen, weder in der Familie, noch mit mir. Man habe sich mit den üblichen Erklärungen zufrieden gegeben. Sie aber will wissen und verstehen. Wie auch jener Schauspieler, der in Archiven gewühlt, alle Verwandten befragt, wie besessen die Geschichte seines Großvaters zusammengefügt und sich einen Regisseur gesucht hat. Er führt sein ergreifendes Ein-Personen-Stück vor naturgemäß wenigen Zuschauern auf einer sehr kleinen Bühne auf. Enkelkinder fragen offenbar anders, weil sie nicht ihre eigenen Eltern verteidigen müssen. Man erfährt mehr über Verführungen und Motive und es ist die „eigene“ Geschichte, nicht Projektion auf die Opfer. Es braucht solche Geschichten um zu wissen, was der Mensch auch ist.

 Ich würde auch gerne mit verschiedenen Leuten unterschiedlicher Herkunft darüber nachdenken, welche Einflüsse es auf die gegenwärtigen Formen des Gedenkens hat, dass die Anfänge der Verbewältigung von einer Generation definiert wurde, die selbst verstrickt war? Welche Muster wurden von Männern wie Walter Jens und Günther Grass, von dem Stern-Herausgeber Henri Nannen, oder Franz-Joseph Schöningh, dem Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung, geprägt? Was hat es erbracht, dass die Vor- und Nachgeschichte, die Details der Machtübergabe, die Interessen der Eliten, das Elend der Arbeitslosen usw. ausgeblendet wurden, als Schuld und der Verlust der ach so intelligenten, begabten Juden die Gedenkformen bestimmten? Und als internationale Feierwoche bietet sich zur Abwechslung die Woche vom 6. - 15. Juli an, im Gedenken an die Konferenz von Evian, bei der sich alle Länder außerstande sahen, Juden aufzunehmen. Erst wenn wir ohne Beschönigung wissen, was der Mensch ist und sein kann, stellt sich die Frage nach einer Prävention, die vermutlich ein wenig anstrengender und auch teurer wird als ritualisiertes Mahnen.

 

 

 

 

 

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