Don Quixotte jagt Wikipedia

Kürzlich landete ein Artikel in meinem Fach (Nachrichten flattern nicht mehr), kopiert aus dem Handelsblatt, Marvin Oppong hat penibel aufgelistet, wie jemand seine Beiträge auf Wikipedia postet oder andere Beiträge löscht, und offenbar eigene (vom Verfasser nicht näher definierte) Interessen verficht. Er hat sich viel Mühe gegeben, IP-Adressen nachrecherchiert und die history der Artikel studiert. Und beweist oder vermutet zumindest, dass hier einer sein eigenes Süppchen kocht. Er hat seine Erkenntnis nicht als Diskussionsbeitrag ins Netz gestellt, sondern beklagt das Täuschungsmanöver im Printmedium.

Seit einigen Jahren wissen wir, dass auch "die Wissenschaft" inklusive Naturwissenschaft nicht objektiv ist und all die reviews und Evaluationen nicht verhindern, dass sogar in wissenschaftlichen Studien Interessen – sei es der Industrie, bestimmter Institute oder Individuen – vertreten werden. An Wikipedia arbeiten Tausende mit, freiwillig und ohne Entgelt. Jeder kann senden, Walter Benjamins Traum scheint realisiert. Keine Besitzer von Zeitungskonzernen und keine öffentlich-rechtlichen Rundfunkwärter zensieren. Und da wundert sich Herr Oppong, dass es Leute gibt, die unter Pseudonym schreiben und streichen und nicht objektiv sind?

Interessant ist nicht so sehr die Naivität des Rechercheurs, der nach den Posts fahndet, 14 688 Einträge von '7Pinguine' findet, um dann den Zeigefinger zu erigieren, und feststellt, huch, Wikipedia ist kein zuverlässiges Lexikon, da hat jemand manipuliert. Interessant ist, wie hier alte und neue Welten aufeinanderstoßen und weshalb sie nicht zusammenkommen können.

Es gibt sie also noch, die Idee von der sauberen Sphäre, in die kein Motiv von Macht, Geld oder Werben um Aufmerksamkeit hineinscheint. Das ist romantisch und 19. Jahrhundert. Das 20. Jahrhundert hat uns gelehrt, wie unzuverlässig und auch gefährlich dieser Glaube, genauer gesagt, diese Abspaltung von Ökonomie und reinem Geist ist. Im 21. Jahrhundert ist es lebenswichtig, dass man lernt, mit der unordentlichen Realität umzugehen, skeptisch und prüfend; Und wenn man Manipulationen entdeckt, kann man das öffentlich dort diskutieren, wo die Fliege in der Suppe schwimmt, man muss nur ein Knöpfchen drücken.

 

Es gibt Leute, die das elektronische Lexikon für ihre Interessen nutzen, Leute, die gerne posten, sei aus Freude oder Langeweile, und es gibt Leute, die nur nachschlagen und meinen, sie hätten gesichertes Wissen gefunden.

Man kann es auch anders betrachten. Der Subtext des offenen Lexikons heißt: Konsumiere nicht und bleib kritisch, schreib selbst was dazu, nicht im Handelsblatt, zu dem nur Auserwählte Zugang haben, sondern in dem Medium, in dem es einen Knopf für Diskussion gibt. Wikipedia ist ein Instrument, das vielen Leute erlaubt, ihre Kenntnisse zur Verfügung zu stellen, eine Aufforderung, zu senden und nicht unkritisch nur herunterzuladen. Das kann und muss man wohl lernen in Zeiten der offenen Kommunikation.

Der Fall ist interessant, weil sich die alte und eine neue Welt eben nicht treffen, sondern aneinander vorbeikommunizieren, nicht nur verschiedene Medien und Meinungen, sondern auch Haltungen an diesem Beispiel sichtbar werden. Sollte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass es keine Daten, Götter und Lexika gibt, die mir die Wahrheit auf Knopfdruck servieren, wäre das im Sinne der Emanzipation eine hübsche Wendung zum alten Ideal des selbstdenkenden Individuums. So unsauber geht es zu in der Wirklichkeit.

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