Idiotisierung von oben

Wir saßen mal wieder so fröhlich beisammen, als eine Freundin von den Anweisungen ihres Chefs erzählte. Sie arbeitet im Berliner Heimatfunk, der öffentlich finanziert wird und irgendwann vor langer Zeit den Auftrag hatte, das Volk zu bilden. Der Chef gibt keine Befehle, sondern Empfehlungen, und wer sich nicht fügt, darf um seinen Arbeitsplatz fürchten. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird empfohlen, sich kurz zu fassen, man solle nicht zu ausführlich berichten, keine Ironie und nur nichts Abstraktes. Die Texte sollen leicht und abwechslungsreich sein, vor allem darf man nicht langweilen.

Alles muss flacher, dünner, billiger werden, nicht nur die Chips in elektronischen Geräten, auch die Beiträge in Zeitungen, Sendungen, Büchern, bis endlich auch die Hirne flach und klein und leichtgewichtig sind. Die “Linie” breitet sich wie ein grauslicher Bazillus über alle Medien aus, auch die öffentlich-rechtlichen, die es nicht nötig hätten.

 In der langen Weile könnten sich Gedanken oder gar Fragen im Hirn ausbreiten. Ein gut Teil der Literatur, auf die Europa (oder auch “die Deutschen”) so stolz sind, wurde von Leuten geschrieben, die nicht mit ihren Kameraden mitgespaßt haben, sondern sich langweilten, erst zu lesen und dann zu schreiben begannen. Tempi passati, ich will nicht über eine gute alte Zeit weinen, denn derlei Klagen konnte man schon vor 100 und sogar 200 Jahren hören. Neu ist, dass nicht schnell verdienenwollende Kompilatoren und Scharlatane für nette, flache und billige Kultur sorgen, sondern die Verwalter und Macher, die Manager und Mittler, die durchaus sicher in ihren gepolsterten Sesseln sitzen. Sie aber wissen, was “das Volk” will, sie zitieren oder bestellen Untersuchungen, die Einschaltquoten und Auflagenstärke zur Richtlinie machen und nennen das den Kampf um Aufmerksamkeit. Ich wette, jeder und jede dieser Sachwalter würde eine Kampagne gegen Fastfood unterschreiben, aber geistiges Fastfood lässt sie jubeln.

 Seit vorigem Jahr zahle ich doppelt soviel Gebühren wie zuvor, weil man sich in den Etagen der öffentlich-Rechthabenden nicht vorstellen kann, dass es Menschen gibt, die das TV-Programm mit seinen Krimis, Talkshows, Boulevardstücken nicht interessiert. Von Minderheitenschutz war bei diesen Abmachungen keine Rede.

 Der Trend ist unaufhaltsam. In den letzten Wochen trudelten die Verlagskataloge ein, von den Autoren erfährt man, welche und wie viele Preise sie bekommen haben, die Ankündigungen strotzen von Superlativen. Besonders hübsch fand ich den „derzeit angesagtesten Sachbuchautor“. Der Mensch als Marke, die Künstler und Schriftsteller reduziert auf ihren Warencharakter, es geht nicht um Personen, sondern um Sachwerte – das ist Jargon von gestern, das versteht man heute nicht mehr. Wir leben eben im 21. Jahrhundert, Marketing ist alles. Wie komme ich über die altmodische Kulturkritik hinaus, die nur noch Gähnen erzeugt?

 Mit einem Aufstand der Hörer oder gar der Mitarbeiter (die sich bestimmt Anderes vorgestellt hatten, als sie ihr Studium in den schönen Künsten aufnahmen), ist nicht zu rechnen. Vielleicht könnte man den „Verantwortlichen“ eine Unternehmensberatung auf den Hals hetzen, die ihnen klar macht, dass sie mit dem Mainstream sowieso nicht konkurrieren können und besser daran täten, sich auf Qualität, Inhalt, kritische Auseinandersetzung zu konzentrieren. Der Bedarf ist riesig!

Add new comment

By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.