Ossi-Wessi neu verpackt

Derzeit ist - datumsbedingt - viel von Ossis und Wessis, Angleichung und Differenzen die Rede. Ob es noch Unterschiede gibt oder wo und wie sich die Post-DDR-Generation fühlt. Das Wort Revolution wird oft verwendet und das Freiheitsbestreben, das bei den Montagsdemos in der DDR geboren wurde. Vor einem Monat war ich in Wien bei der Feier der dortigen deutschen Botschaft zum "Tag der Einheit", ein Freund hatte mich mitgenommen, das Ereignis fand im luxuriösen Palais Liechtenstein statt, das durchaus sehr große Palais war voll, für Diplomaten, Politiker und Militärs ist der deutsche Nationalfeiertag 3. Oktober sowas wie ein Pflichttermin. Was mir als in Berlin lebender Ösi besonders auffiel: dort in Wien war viel mehr von Ungarn, vom Loch im Eisernen Vorhang und der Rolle Österreichs die Rede als dies in deutschen Reden sonst der Fall ist. Eine Höflichkeit, gewiss. Das hat mit der im Osten der Alpenrepublik real erfahrenen Situation nicht erst im November, sondern seit August 1989 zu tun. In Berlin gewinnt man leicht den Eindruck, die Wende wäre allein und vor allem eine Sache der DDR-Bürger gewesen. Nun gut, jeder wie er kann. Inzwischen ist das Thema DDR-Identität in der gesamtdeutschen Kultur angekommen, Bücher und Filme, Theaterstücke und Preise zeugen davon, dass dieses kürzlich noch unbekannte Wesen "Ex-DDR-ler vom Kulturbetrieb eingesaugt und kleingekaut wird. Mein unrepräsentativer Legitimations-Ossi fühlt sich in diesem neu polierten Narrativ nicht wohl, eher vereinnahmt und in eine Lade gepackt, die mit seiner Wahrnehmung wenig zu tun habe. Er kann sich in diesen Geschichten nicht erkennen. Ich denke dann an den Hype um Juden und Jüdinnen, die in jedem Roman und Film vorkommen mussten, wenn er wichtig werden wollte. Nach dem Juden-Hype gibts jetzt den Ossi-Hype, ein Klischee wird geboren, die Ecken werden abgeschleift, das Bild ist so leichter transportierbar.

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