Meine Dankesrede

und weil ich auch darum mehrfach gebeten wurde hier auch meine Dankesrede anlässlich der Preisverleihung:

 

Sehr geehrte Madame Ministre, sehr geehrte Männer und Frauen … leider bin ich hier nicht heimisch genug um alle Anwesenden namentlich begrüßen zu können, aber ich bedanke mich herzlich bei der Jury, die mich auserkoren hat, also bei Angelika Klammer, Walter Famler und Ernst Strouhal, bei Antonio Fian und den Musikern, bei den Organisatoren dieser Feier, die mir meine vielen Nachfragen hoffentlich verzeihen, bei den Freunden, die nur meinetwegen hier sitzen und zum Teil von weit her angereist sind, und: bei den Steuerzahlern.

Mein erster Gedanke fürs Danke hatte sich mit der Frage beschäftigt, warum ich trotz wienerischer, genauer: Floridsdorfer Sprachheimat lieber in Berlin lebe und dennoch gerne die österreichische Staatsbürgerschaft beibehalte. Aber kürzlich erzählte der Botschafter der Republik Österreich, Berlin gelte als 10. Bundesland, weil so viele Auslandsösterreicher dort lebten; + es ist auch schon so viel Kluges über das Verhältnis der Hauptstädte gesagt und geschrieben worden, dass ich ein anderes Thema wählen musste. Der Preis ist ein Lockruf aus der Heimat und ich nutze die Gelegenheit um zu überlegen, ob ich hierher passe – nicht nur in diesen Raum, (ich habe ja mein Berufsleben als Bankangestellte in Wien begonnen), sondern zur Namensgeberin des Preises.

 Das Wort Kulturpublizistik, ich kürze es KP ab, steht nicht in meinem nagelneuen Wörterbuch. Stünde es dort, müsste es zwischen Kulturpolitik und Kulturrevolution Platz finden. Meines Wissens gibt es noch keine Theorie der KP – außer vielleicht in der Schweiz, wo man das Fach seit Kurzem studieren kann. Also räsoniere ich kurz (sehr kurz wurde ich gebeten) über die Frage: „Was ist und zu welchem Zweck betreibe ich Kulturpublizistik“ oder weniger pathetisch: Warum die Kulturpublizistik ein Bankert ist und ich sie liebe.

 Dabei interessieren mich nicht so sehr Definitionen, sondern die Illusionen und Bilder in meinem Kopf, in denen Vorbilder, Vorgänger und meine Wünsche ungeordnet herumtollen. Rein definitorisch betrachtet steckt in dem Kombipack aus Kultur und Publizistik 1. der Begriff „Kultur“: Der ist allerdings in den letzten Jahrzehnten so umfassend geworden, dass er alles und nichts beschreibt; 2. Publizieren, und das hat nur noch wenig mit einer vierten Gewalt zu tun, die das Volk oder wenigstens Priester, Lehrer und Minister, neudeutsch Multiplikatoren, „aufklärt“, womöglich, wie man im vorigen Jahrhundert noch glaubte, Macht in ihre Grenzen weist.

 Und schon taumle ich typisch kulturpublizistisch zwischen dem subjektiven Zugang, historischen Träumen und meinem wissenschaftlichen Über-Ich. Also nehme ich nochmals das Wörterverzeichnis zur Hand und blättere zu dem Buchstaben „P“, auf der Suche nach „Publizistik“ und bleibe bei der Publicity hängen, die – nicht nur alphabetisch – davor steht. Mein Auge schweift weiter zu Public Relations, denen folgt der Publikumserfolg und der Publikumsliebling … womit unsere gegenwärtige Öffentlichkeit schon ganz gut gekennzeichnet wird. Endlich, Seite 346 linke Mitte: „Der Publizist“. Er wird in diesem meinem neuen Wörterbuch als politischer Schriftsteller, Tagesschriftsteller, Journalist definiert. Abgesehen von der politisch inkorrekten männlichen Form erweist sich damit mein Duden (er war ein Sonderangebot der ZEIT) fest in der deutschen Tradition verankert: in ihr gilt die kleine Form, zu der Essays, aber auch Briefe, Tagebücher und Aphorismen gehören, nicht viel (in England und Frankreich ist das bekanntlich anders). Es sind eben „kleine Formen“, illegitime Kinder der viel höher geschätzten Dichtung, für die es wenige Heime und selten Pflegegelder gibt.

 Umso erstaunlicher und lobenswerter ist es, dass ein Preis dafür vergeben wird – abwechselnd mit dem für Literatur. Schon in diesem Wechsel verbergen sich begriffliche Schätze. Ich will und kann sie hier nicht alle ausgraben, aber dass sich Kulturpublizistik zwischen Journalismus und Dichtung bewegt, weiß man – denn das steht bei Wikipedia, in dem Eintrag über die Schweizer Pioniere des erwähnten Studienfachs. Dort lehrt man als KP: „Schreiben über Kultur im Spannungsfeld von Berichterstattung und PR, Rezensieren und Verkaufen, Bewerten und Bewerben, Analysieren und Anpreisen.“

 In meiner Kulturpublizistik steckt allerdings noch mehr. Es gehört ja zum Genre von Preisträgerreden, persönliche Motive zu äußern, also ergänze ich: Kulturpublizistik ist meines Erachtens das Genre für das 21. Jahrhundert: Sie lässt Raum für unterschiedliche Lesarten, beinahe wie Literatur, geriert sich aber weniger fiktional abschweifend; In ihr ist – anders als in der Wissenschaft – das „Ich“ erlaubt, sie lehnt sich an Journalismus an, aber zielt nicht primär auf das Verkünden von Wahrheiten. Sie verführt zum Denken, konkurriert also nicht mit twitter und facebook, und hat als deren Ergänzung die Zukunft vor/für sich. Mit ihr kann ich Ordnungen erproben und verändern, fische anarchisch, keineswegs beliebig! in verschiedenen Gewässern, trans- inter- und multidisziplinär. Weil sie und ich mit ihr geschichtsversessen sind, denke ich z. B. als Kulturpublizistin bei Lorbeer nicht nur an Blätter, die das Haupt der Dichter zierten, bevor sie nur noch als Gewürz für die Suppe dienten, ich assoziiere die Ehrenzeichen aus Kanonenmetall, mit denen Kaiser Franz I. die Kriegsteilnehmer an den Feldzügen gegen Napoleon ausgezeichnet hat. Ob es Lorbeeren aus Silicium oder virtuelle Lorbeeren schon gibt, muss ich erst noch erforschen.

 Einer von mehreren Gründen, weshalb ich mich von diesem Schreibzweig angezogen fühle, ist die in der deutschen wie in der österreichischen Geschichte notorische Abspaltung einer hohen, tiefen und transzendentalen Welt von einer hässlichen Realität, etwas konkreter: die Liebe zum sensiblen Klavierspiel am Abend, während tagsüber Massenmorde begangen wurden. Über komplizierte Umwege gehorcht wohl auch die Abgrenzung der Tagesschriftstellerei von der Dichtung und der Abscheu tiefer Denker vor der Berührung mit der schmutzigen Politik dieser Logik.

 Ich liebe zwar die über der Wirklichkeit schwebenden geflügelten Pferde, aber mich interessiert auch, woher sie kommen und wie sie landen, um Futter zu finden.

 KP borgt von Literatur, wenn sie schwergewichtige Erkenntnisse ihren Lesern nahe bringen will, ohne sie, wie das die Wissenschaftspublizistik gerne tut, „herunter zu brechen“. Ihre Vertreter buhlen mit der Wissenschaft, sie können aber – manchmal – auch Abstraktionen mit Saft füllen oder hohle Formeln zum Klingen bringen. Im Glücksfall dürfen sie sich mit einem Thema gründlicher beschäftigen als Journalisten, die jeden Tag Neues bringen müssen – weshalb es sich nicht empfiehlt, aus dieser Tätigkeit einen Hauptberuf zu machen.

 Kulturpublizistik, will ich der Firma Duden damit sagen, falls ich was zu sagen hätte, hat mit dem „Dazwischen“ zu tun, dem dünnen Streifen zwischen Himmel und Erde, wo sich Boden und Luft berühren. Das ist einer der Unterschiede zur public relation, die in die Phantasie nur ausgreift, um Kunden zu locken und erst recht zur Kulturpolitik, die in meiner doch nicht sooo lang zurückliegenden Jugend noch mit Sozialismus, politischen Vorgaben für Kultur und staatlicher Lenkung assoziiert war, also igitt, weil Kunst und Kultur doch frei sind und nichts mit der schmutzigen Politik zu tun haben (sollten).

 Ich grenze also ein und ab: anders als public relations oder Kulturpolitik dient KP weder Beziehungen noch Politikern, nahe der Literatur entfleucht sie nicht auf den Parnass, dem Journalismus verwandt, darf sie Fakten und Meinungen mischen, zwar wissenschaftlich ambitioniert kann sie trotzdem spekulieren, bleibt aber im Boden der Tatsachen verankert. Sie will kultivierte, womöglich sogar kunstvolle Entwürfe von Welt nicht esoterisch im Anderland, sondern in der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit finden … oder doch suchen, wenigstens mit Gedanken an andere Sichtweisen spielen oder, um nochmals persönlich zu werden, wenigstens die Vergangenheit verändern.

 Ich hatte ja überlegt: wenn ich im zarten Alter von noch nicht einmal 90 Jahren einen so wertvollen Preis bekomme, wäre es an der Zeit, endlich brav und nett zu werden. Da aber in der Begründung der Jury steht, ich sei unerschrocken, erwähne ich doch die deutschen Freunde, die mich darauf angesprochen haben, dass es in Österreich derzeit ziemlich wild zugehe und ob denn ein österreichischer Preis zu mir passe. Denen nenne ich Namen aus der illustren Reihe meiner Vorgänger – unter denen einige meiner Idole sind – und meine Zuhörer staunen. So kann ich kulturpublizistisch geschult erklären, dass es in der Geschichte auch dialektische Sprünge gibt – wie diesen Preis. Er ist, soweit ich es beurteilen kann, ein österreichisches Alleinstellungsmerkmal und ich spekuliere, dies könnte eine Folge der josephinischen Tradition sein.

 In Österreich (als es noch groß und bedeutend war) wurde bekanntlich die Aufklärung weniger von Dichtern und Denkern, sondern von (nicht allen, aber doch einigen wichtigen) aufgeklärten Beamten getragen. Auch darum danke ich allen beamteten und nicht-beamteten Aufklärern, die sich in der Vergangenheit und hoffentlich auch in Zukunft für die Wunder solcher Ungleichzeitigkeiten einsetzen.

 Ein wenig habe ich nun doch erzählt, warum ich gerne in Berlin lebe und ebenso gerne österreichische Staatsbürgerin bleibe. Es hat mit jener mittleren Distanz zu tun, die sowohl Abstand wie Engagement erlaubt, auch das ist ein Aspekt meiner ganz unobjektiven Begriffsdeutung.

Da nach und hinter mir noch eine Veranstaltung stattfindet, belasse ich es bei diesen unfrisierten Gedanken, die ich – ermutigt durch die Verleihung des Preises – bei nächster Gelegenheit noch fester um den Zeigefinger wickeln werde.

 

 

 

 

 

 

 

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