Jens Brüning in Radio Bremen

schon eine Weile her, aber jetzt erst von mir eingetragen

Jens Brüning für NORDWESTRADIO / Radio Bremen

LITERATUR / Dr. Harro Zimmermann

Länge: 3’54 Sendung: 03. Juli 2009.

Hazel Rosenstrauch „Wahlverwandt und ebenbürtig – Caroline und Wilhelm von Humboldt“, Die Andere Bibliothek. Herausgegeben von Klaus Harpprecht und Michael Naumann. 334 Seiten mit zahlreichen schwarz-weiß-Abbildungen im Anhang, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009, € 30.00

Moderationsvorschlag: Wilhelm von Humboldt war preußischer Staatsmann und Reformer, Sprachforscher, Philosoph und Feingeist. Er führte vierzig Jahre lang eine sehr aufgeklärte Ehe mit Caroline von Dacheröden, Mutter seiner fünf Kinder und Partnerin, die ihrem Gatten an Weltneugier, Bildung und Kunstsinn ebenbürtig war. Die Publizistin Hazel Rosenstrauch veröffentlichte nun unter dem Titel „Wahlverwandt und ebenbürtig“ ihr neuestes Werk über diese exemplarische Ehe in der Anderen Bibliothek im Eichborn Verlag. Jens Brüning stellt das Buch vor.

Autor: Wilhelm von Humboldt hat die Berliner Universität mitgegründet. Er war weit bekannt als Erforscher der entlegensten Fremdsprachen. Und er war Diplomat in preußischen Diensten, Gegenspieler des Fürsten Metternich auf dem Wiener Kongress. Zu alledem war er Haushaltsvorstand einer großen Familie. Mit 24 Jahren hatte er seine langjährige Verlobte, Caroline von Dacheröden, geheiratet. Sie gebar ihm acht Kinder, von denen fünf überlebten. Hazel Rosenstrauch, Kulturwissenschaftlerin und Essayistin, stellt Caroline und Wilhelm von Humboldt in ihrem Buch in einem Doppelporträt vor.

Zuspiel 1: Caroline war durchaus eine sehr imponierende selbständige, tüchtige Frau. Humboldt war ein Mann, der vielleicht ein bisschen gefühlskalt war und über diese Frau seine Gefühle erlernt, was aber gleichzeitig natürlich auch diese Zeit charakterisiert.

Autor: Für ihre Arbeit konnte Hazel Rosenstrauch auf reichhaltiges Archivmaterial vertrauen: Das Ehepaar führte eine ausufernde Korrespondenz.

Zuspiel 2: Nicht nur waren sie dauernd im Gespräch, sie haben diese Gespräche aufgezeichnet, weil es über lange Strecken eine Fern-Ehe war. Caroline war in Berlin, wenn Humboldt in Wien war, Humboldt war in London, sie war in Rom, sie ist alleine nach Paris gefahren, er ist in Rom geblieben, also unglaubliche Mobilität eigentlich auch für heutige Verhältnisse.

Autor: Natürlich reisten die Humboldts auch gemeinsam. Nach Spanien zum Beispiel. Dann ist die Überlieferung spärlicher, da die wechselseitigen Briefe fehlen.

Zuspiel 3: Natürlich waren die Humboldts sehr privilegiert. Nicht nur er kommt aus einer sehr wohlhabenden Familie, sie kommt aus einer noch viel wohlhabenderen Familie, und es gab immer Ammen und Dienstboten und Erzieher und also alles mögliche Personal. Aber – auch das gehört zu den Besonderheiten, was man zumindest nicht so im Kopf hat, wenn man an Humboldt denkt – er war ein Mann, der die Kinder mit erzogen hat, und auch die Mädchen unterrichtet hat. Er hat auch diese ganzen Briefe betont in weiblicher Linie weiter gegeben, also sein Verhältnis zu den Frauen war eindeutig besser als das Verhältnis zu den Söhnen, die so ein bisschen im Hintergrund bleiben.

Autor: Die Humboldts führten eine nach damaligen Maßstäben offene Ehe. Hazel Rosenstrauch zitiert aus einem Brief Carolines:

Zuspiel 4: „Die Individualitäten eines jeden Charakters in einem so engen Verhältnis wie die Ehe respektiert zu sehen, war das einzige, was ich bei dem Mann suchte, dem ich meine Hand geben wollte.“ Und sie schreibt ihm auch – also ich finde den Satz so schön: „Wie gibst du mich mir selbst so innig wieder.“ Es geht also immer darum, dass beide ihre Individualität entfalten können, es ist relativ bekannt, dass auch beide Nebenaffären hatten, die sie respektierten, weil Freiheit ihnen so wichtig war, auch die individuelle Freiheit.

 

Autor: Daraus erklärt sich auch der Titel des Buches: „Wahlverwandt und ebenbürtig“. Caroline und Wilhelm von Humboldt hatten gemeinsame Interessen in Kunst und Wissenschaft, pflegten ihren weit verzweigten Freundeskreis und waren sich in den meisten Dingen des Lebens einig. Hazel Rosenstrauch hat mit ihrem Doppelporträt dieses Paares die Vorstellungen von einer Partnerschaft an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert gründlich entstaubt.

Zuspiel 5: Ich habe ein bisschen gegen beides angeschrieben: Also gegen diesen denkmalgeschützten Preußen, und auch über die Bilder in den Köpfen, wie Frauen waren und wie sich die Geschlechterrollen herausgebildet haben.

Autor: Ein Kapitel ihres Buches und einen Exkurs widmet Hazel Rosenstrauch der „Judaeophobie“. Die Abneigung Carolines gegen Juden war wohl die einzige Differenz zwischen den Eheleuten, denn Wilhelm gibt ihr – wenn auch milde – Kontra. Caroline meint nicht ihre Freundinnen Rachel Varnhagen und Henriette Herz. Es geht um Grundsätzliches:

Zuspiel 6: Juden sind zu der Zeit der Inbegriff der Moderne. Caroline selbst ist Kind eines Grundbesitzers, der Jahrhunderte lang von seinen Gütern gelebt hat, wo es selbstverständlich war, dass man bestimmte Privilegien hatte, und dass Juden keine richtigen Menschen waren. Und plötzlich haben die das Recht, Grundstücke zu kaufen. In den Köpfen dieser Leute, die aufgewachsen sind mit der Vorstellung, wir sind das Land, uns gehört Grund, Boden, Privilegien, muss das einfach eine unglaubliche Provokation gewesen sein. Und das ist der Hintergrund. Ich glaube, man darf das auch nicht mit heutigen Maßstäben von rassischem Antisemitismus messen.

Autor: Wilhelm von Humboldt hatte während seiner Amtszeit in preußischen Staatsdiensten darauf hingewirkt, aus einer durch Sondergesetze diskriminierten Minderheit, den Juden nämlich, Staatsbürger mit gleichen Rechten zu machen. Auch solche Erkenntnisse lassen sich aus diesem rundum gelungenen Buch gewinnen.

 

 

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