Mannheimer Morgen 04. September 2010 Stachelig unbequem

 

Stachelig unbequem

Von unserem Mitarbeiter Harald Loch Mannheimer Morgen 04. September 2010

Im verstörendsten Text aus Hazel Rosenstrauchs Essaysammlung geht es um die Erinnerungstafeln im Bayerischen Viertel in Berlin. Das Bezirksamt Schöneberg hatte im Jahre 1993 achtzig Gedenktafeln an einige der jüdischen Bewohner des Viertels anbringen lassen, das vor 1933 von Tausenden Juden bewohnt war. Unter der Überschrift "Erinnern und erinnert werden" geht die "nichtjüdische Jüdin", wie sich Rosenstrauch nennt, der Frage nach, ob man bei der Anbringung der Tafeln daran gedacht habe, dass auch Juden sie sehen und was sie empfinden, wenn sie darauf stoßen, was die nicht-jüdischen Passanten empfinden sollten.

Der eigentlich nicht unsympathische Erinnerungspatriotismus der heutigen Deutschen bekommt da ein paar Kratzer ab. Sie sind der Geschichte geschuldet, nach der man nichts wirklich richtig machen kann. Aber was an manchem gut Gemeintem falsch, oder nicht zu Ende überlegt ist, soll besprochen sein. Die 1945 in London als Kind jüdisch-kommunistischer Emigranten aus Österreich geborene Hazel Rosenstrauch macht sich darüber Gedanken, macht aus ihrem links schlagenden Herzen keine Mördergrube.

Vom unsteten Leben

Sie schreibt über Juden, Narren und Deutsche und ihre fast 20 knappen Texte machen nachdenklich. Sie sind geschliffen formuliert, voller Kultur- und Geschichtswissen. Sie entspringen einem von Kindheit an kritischem Ungehorsam gegenüber dem Gehörigen. Die Sammlung enthält sowohl neue Essays als auch bereits gedruckte, praktisch nicht mehr zugängliche Texte aus den letzten 20 Jahren. Sie handeln auch vom unsteten Leben der Autorin. Sie versuchte sich in den USA und in Kanada und landete in Deutschland. In Berlin leitete sie die von der Akademie der Wissenschaften herausgegebene Zeitschrift "Gegenworte" und veröffentlichte die Studie einer Jugend um 1800: "Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens" sowie zuletzt die Doppelbiografie "Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt". In den von Publikum wie Kritik gut aufgenommenen Werken erweist sich die Synthese eines linken, feministischen und eines "unjüdisch jüdischen" Ansatzes wie in ihren jetzt veröffentlichten Essays als glücklich. "Die Grazie der Intellektuellen" ist der Titel eines Buches, der auch auf sie selbst weist. Ihre literarische Grazie ist stachelig und unbequem.

Mannheimer Morgen 04. September 2010

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